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26.11.2019 -- Maja Petzold / wv

Handwerkern über die Schulter schauen

Das Alpine Museum der Schweiz stellt in seiner neuen Ausstellung "Werkstatt Alpen. Von Macherinnen und Machern", Handwerkerinnen und Handwerker des Alpenraums in den Mittelpunkt.


Das Alpine Museum der Schweiz stellt in seiner neuen Ausstellung "Werkstatt Alpen. Von Macherinnen und Machern", Handwerkerinnen und Handwerker des Alpenraums in den Mittelpunkt. In den letzten Jahren hatte dieses Museum ja stark damit zu kämpfen, nicht aufgrund finanzieller Kürzungen in die Bedeutungslosigkeit zurückzufallen. Nun präsentiert es sich als "Netzwerk und Museum", eine Neuausrichtung, die über die bisherigen Themen hinausgeht und Problematik und Perspektiven des Schweizer Alpenraums darstellt.

Der Werkstoff der Alpen ist auch heute noch das Holz. Mehrere Stationen zeigen den kreativen Umgang mit diesem nachwachsenden Rohstoff. Da ist die Aussage des Geigenbauers: "Die Rottanne, bzw. die Fichte, dient dem Geigenbauer als Grundwerkstoff", sagt Hansruedi Hösli, frisch pensionierter Leiter der Geigenbauschule Brienz BE. Er sucht den geeigneten Baum im Wald aus und notiert die Koordinaten seines Standortes. Eine Geige besteht ungefähr aus siebzig Einzelteilen, jede wird einzeln hergestellt, ein echtes Handwerksstück. Nebst dem eigentlichen Instrumentenbau wird in Brienz die Restaurierung von Instrumenten unterrichtet. Eine zukünftige Geigenbauerin wird voraussichtlich mehr Violinen wieder zum Klingen bringen als neue herstellen.

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Eva Gredig, Schindelmacherin.  Bild: Brigit Rufer Robandrose

Die Schindelmacherin Eva Gredig aus dem Safiental GR arbeitet auf 1700 m Höhe. Es war der Wunsch der Familie, dieses Handwerk zu erhalten. Ihr schaut man bewundernd zu, wenn sie mit scheinbar leichter Hand das Holzstück spaltet, "Schindeln werden nicht gesägt und auch nicht gehobelt", betont die junge Frau und ergänzt, "von Hand bin ich geschwinder als mit jeder Maschine".  – Wer möchte, kann es unter Eva Gredigs Anleitung probieren. Ohne Geschick und Übung bzw. ohne Kenntnisse, wie das Holz gewachsen ist, denkt die Besucherin, wird daraus nichts Brauchbares. Eva Gredig erklärt, sie müsse bei der Suche nach geeignetem Holz auf die gleichen Holzeigenschaften achten wie der Geigenbauer, die Fasern sollten nämlich so gleichmässig wie möglich gewachsen sein. Schindeln sind heute wieder mehr gefragt, nicht nur traditionell für Dächer und Fassaden, sondern auch für Wände im Innenausbau.

Das Berggebiet ist nicht nur Sphäre des Tourismus

Die Schweiz ist ihrer Tradition nach ein Handwerksland, auch wenn nach neuen Statistiken gesamtschweizerisch nur noch etwa10% der Berufstätigen in einem handwerklichen Beruf arbeiten. Gerade in den Berggebieten können sich grosse Industriebetriebe schwer ansiedeln. Umso wichtiger ist es, dass dieser Teil der Schweiz – über Dreiviertel der Fläche der Schweiz sind Berggebiet – ebenfalls Anteil am wirtschaftlichen Leben nimmt.

Es braucht Mut zu kreativem Gestalten, Freude an der Arbeit mit den Händen und Geschick in der Materialverarbeitung, um auch entfernt von urbanen Zentren eine Existenz aufzubauen. Lucas Bessard aus dem Waadtländer Jura baut aus Überzeugung seine Skier selbst – aus Holz selbstverständlich. Er lässt seine zumeist städtischen Kunden am Entstehungsprozess teilhaben. Seinen Lebensunterhalt kann er von seiner Arbeit noch nicht bestreiten.

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Lucas Bessard, Skibauer, Woodspirit, Cuarnens VD  Bild: Brigit Rufer Robandrose

Wer sich auf Ungewöhnliches, abseits vom Mainstream, einlässt, braucht Optimismus und Durchhaltekraft. Viele früher übliche Berufe sind ausgestorben, der Leimsieder beispielsweise oder der Eissäger aus der Zeit ohne elektrische Kühlschränke. Das Zentrum Ballenberg führt eine Datenbank der ausgestorbenen und bedrohten Berufe.  – Andererseits gibt es Berufe, die sich seit 200 Jahren nicht verändert haben: Der Küfer stellt seine Fässer immer noch auf die gleiche Art her, auch wenn solche Fässer heute seltener gefragt sind.

Zu den typisch schweizerischen "Rohstoffen" gehören auch Milch und Milchprodukte. Käser Gerhard Zürcher von der Bio-Bergkäserei Goms VS erklärt, dass seine Genossenschaft nur Milch aus der Umgebung verarbeitet. "Denn unsere Kunden wollen wissen, wo die Kühe grasen." Deshalb verkauft die Gomser Käserei Milch und Käse nur direkt an Kunden und an einen Schweizer Grossverteiler, der Bioprodukte besonders pflegt.

Nachhaltig und "slow"

In wirtschaftsgeografischen Analysen des Alpenraums werden Industrie und Gewerbe oft übersehen. Der Kulturgeograf Werner Bätzing formuliert es so: Handwerk und Gewerbe werden "ganz aus den Alpen ausgeblendet, weil im romantischen Alpenbild die Alpen erst bei 1000 Meter Höhe beginnen und Industrie versus Alpen einen mentalen Widerspruch darstellen." Beispiele, die das Gegenteil beweisen, führt das Alpine Museum seinen Besucherinnen und Besuchern vor.

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Gastwerkstatt mit Lernender der Geigenbauschule Brienz BE.
Bild: Nicole Hametner

Die Handweberei Tessitura in Poschiavo GR hat eine Nische gefunden, indem sie strikt auf Qualität und nicht auf Quantität setzt. Die Weberin Jessica Correia De Freitas webt nur auf Bestellung von Privatkunden. "Handgewebte Handtücher", sagt sie, "halten sehr viel länger als maschinengewebte. So sind unsere Tücher zwar teuer, aber durch die lange Gebrauchsdauer und das individuelle Dessin doch ihren Preis wert."

Unter dem Titel "Preis und Wert" können die Besucherinnen und Besucher sich selbst befragen: Wieviel möchte ich für ein Küchenmesser, für ein Geschirrtuch oder ein Alphorn ausgeben?

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Florbela Da Costa Mendes, Schuhmacherin  Bild: Brigit Rufer Robandrose

Auch die Firma Kandahar in Gwatt / Thun verkauft ihre Schuhe weniger durch aufwändige Werbung als durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir können Florbela Da Costa Mendes, Schuhmacherin aus Portugal, bei ihrer Tätigkeit zuschauen, sie näht langlebige, strapazierfähige Schuhe. In der Schweiz leben keine Schuhmacherinnen oder Schuhmacher mehr, die für diese einzigartige Handarbeit qualifiziert sind – in Portugal gab es für Florbela nicht mehr genug Arbeit.

Zum Abschluss werden die Handwerkerinnen und Handwerker selbst gebeten, sich über ihre Zukunftsaussichten zu äussern. Zusammenarbeit und gemeinsame Einrichtungen könnten eine ganze Region stärken. 45 Betriebe sind heute schon unter dem Dach "Innovation und Tradition" zusammengeschlossen.

Die Ausstellung bietet einen ebenso vielseitigen wie kurzweiligen Rundgang mit vielen interaktiven Stationen – und Gesprächen mit den anwesenden Handwerkerinnen und Handwerkern. Im sogenannten Hodlersaal ist ein eigens für diesen Anlass geschriebenes Hörstück von Edward Käser bereitgestellt zur Bedeutung der Handarbeit in unserer Zeit. Gleichzeitig laufen dort alte Filme über aussterbende Handwerkskünste.

"Werkstatt Alpen. Von Macherinnen und Machern". bis 27. September 2020

Titelbild: Jessica Correia De Freitas, Weberin.  Bild: Brigit Rufer Robandrose

Alle Fotos: © Alpines Museum der Schweiz