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22.09.2019 -- Fritz Vollenweider / wv

Fünf Einakter als Ganzes

Anton Tschechows Einakter voller Witz, Humor, Persiflage, Tempo, Dynamik und Sarkasmus – im Theater Matte.


Von ihm kennt man die Einakter viel weniger als die grossen klassischen Werke wie Die Möwe, Onkel Wanja, Die drei Schwestern. Anton Tschechow (1860-1904) soll sie so zwischenhinein als Entspannung geschrieben haben. Das Theater Matte in Bern eröffnet mit den fünf Einaktern seine 10. Spielzeit. Die Mundartfassung besorgte Corinne Thalmann, Regie und Bühnenbild stammen von Oliver Stein.

Fünf Einakter an einem Theaterabend! Wird das nicht eine etwas heterogene Produktion, selbst wenn es sich dabei um fünf Leckerbissen handelt? Solche im Voraus gestellte Fragen finden auf der Bühne an der Aare eine Antwort, die mehr als nur Aufatmen bedeutet. Die Inszenierung beeindruckt als ein geschlossenes Ganzes. Grund sind einige erzählerische Momente, die kurz und knapp vom einen in das andere Stück aufgenommen, manchmal nur mit einem Lächeln angedeutet werden, und es ist eine formale Konzeption, welche nicht nur die einheitlich verwendeten Elemente des Bühnenbilds umfasst. Spektakuläre Umbauten, welche die fünf Einakter auch der zeitlichen Lücken wegen in Einzelstücke isoliert hätten, werden durch den Matratzenstoss und die wenigen zusätzlichen Requisiten vermieden.

 

Variationen menschlichen Verhaltens

Einakter Tschechow 3

Fredi Stettler als Zuhörer in «Tragödie wider Willen»

Fingerübungen eines grossen Dramatikers zur Entspannung, so der Ruf von Tschechows Einaktern. Selbst als solche wären sie ja bestimmt unterhaltend geworden, eine dankbare Aufgabe für jedes Bühnenensemble. Doch die fünf Stücke offenbaren eine oft recht hintergründige Schilderung von menschlichen Verhältnissen, von Eigenheiten und unerwarteten Entwicklungen. Jedes dieser Werke hat einen eigenen Titel, doch wesentlich in dieser Inszenierung sind diese Einzelüberschriften nicht. Die fünf verschiedenen Themen entwickeln sich auf eine Art und Weise auf der Bühne, die man als Variationen von menschlichen Eigenheiten und deren Aufeinanderprallen in Auseinandersetzungen und Beziehungs-Verwicklungen erlebt.

Lautstark und Tempogeladen

Mit einem leicht tragisch bestimmten Dialog zwischen einem Schauspieler und dem Souffleur im dunkeln verlassenen Theater beginnt der Abend. Markus Maria Enggist als müder, zweifelnder und etwas betrunkener Mime diskutiert mit dem begütigend, beschwichtigend auftretenden Hans-Jürg Klopfstein seine Selbstzweifel. Nach diesem geschickt einstimmenden Auftakt stürmt derselbe Markus Maria Enggist als geplagter Familienvater auf die Bühne, und damit beginnt der erste dynamische Höhepunkt des Abends mit lautstark und engagiert vorgetragenen Schimpf- und Klagetiraden.

Einakter Tschechow 1

Miriam Jenni und Fredi Stettler

Mit Fredi Stettler als am Tropf hängendem Vater, seiner Tochter Miriam Jenni und dem jungen Nachbarn Michael Schoch wird die Persiflage einer aus dem Ruder laufenden menschlichen Beziehung noch stärker mit Streit, Ironie, Absurdität und Sarkasmus orchestriert. Die drei Darsteller übertreffen sich mit Rede und Bewegung im Veranschaulichen, wie Eigensinn und unbeherrschte Aufregung jede Vernunft verdrängt und Schaden anrichtet – aber auch, wie ein einziges Wort wieder zum Einlenken führt, und die Beziehung ist gerettet.

Nach der Pause fängt es erneut wieder eher etwas gedämpft an. Schon die schwarz verschleierte Frau vor der Urne ihres verstorbenen Mannes lässt das ahnen. Danièle Themis als trauernde Witwe hat anscheinend mit dem Leben abgeschlossen und will ihren Trauersitz nie mehr verlassen. Kurt Rutishauser als Butler lässt sich von ihr wechselweise sich zum Kommen und Gehen mit stoischer Ruhe herumkommandieren. In das fatalistische Einerlei platzt Markus Maria Enggist und will Schulden eintreiben. Die Unmöglichkeit, einander gegenseitig goldene Brücken zu bauen führt bis zum Duell. Doch wieder spielt zwischenmenschliche Wandlung zu unvermutetem Ende, bevor der erste Schuss fällt.

Einakter Tschechow 4

Michael Schoch, Fredi Stettler, Kurt Rutishauser, Markus Maria Enggist, Hans-Jürg Klopfstein

Zum Schluss wird es turbulent. Ein geplantes Bankjubiläum enthüllt Eigensinn, Täuschung, Egozentrik und verschiedenartigste Eitelkeiten aller der beteiligten gewichtigen Persönlichkeiten in nervösem, hektisch dramatischem Ablauf. Die geplante Veranstaltung löst sich gewissermassen in Luft auf; die Seifenblase platzt. Damit blitzen in die Gedanken der Leute im Publikum nochmals alle die menschlichen Eigenheiten des ganzen Abends, seien sie lächerlich oder tragisch gewesen, und begeisterter Applaus dankt dem Ensemble vor und hinter der Bühne für eine Eröffnung der Jubiläumsspielzeit in der Matte, die durch die Schilderung menschlichen Geistes und Ungeistes vielseitig anzuregen und auch zu unterhalten vermag.

Einakter Tschechow 2

Danièle Themis, Markus Maria Enggist

Alle Bilder: © Roland Soldi

Aufführungen bis 13. Oktober 2019.

Theater Matte