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THEMA: November im Wallis

November im Wallis 10 Nov 2019 12:30 #1

Raron, Die Burgkirche und die Kirche im Fels

«Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.»




Nun, gerade so ernst hätte ER den Wunsch des Dichters nicht zu nehmen brauchen. Aber für uns Bäre-Höckler gibt es kein schlechtes Wetter, man und frau zieht warme Kleider und festes Schuhwerk an (welches den Tag überstehen sollte), und macht sich das Beste daraus.



Das Dorf Raron wirkt tagsüber leer und trostlos, die vielen Schönwettertouris fehlen in der Zwischensaison.



Der recht steile Aufstieg zur Burgkirche kann Leuten mit Herz- und Atemproblemen schon schwer werden. Das hatte der Bischof Matthias Schiner zu wenig bedacht, als er nach den verheerenden Überschwemmungen von 1414 und 1494 veranlasste, die verwüstete Kirche im Talboden aufzugeben und dafür den verlassenen Palas der Burg zur Dorfkirche auszubauen.





Ein überraschend feierlich wirkender Kirchenraum öffnet sich und gibt einige Rätsel auf. Zwei kannelierte Säulen mit schön behauenen Kapitellen tragen ein Kreuzbogengewölbe, das von jemandem richtigerweise mit jenem des Berner Münsters verglichen wurde. Es entstand 1512, zur gleichen Zeit wie der "Himmlische Hof" im Chor des Berner Münsters.
Verschiedene Baustile lassen auf mehrere Bauepochen schliessen. Der neogotische Hochaltar und die zwei Seitenaltäre mit Bildern im Nazarenerstil sind im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden. Der Seitenaltar mit den spiralförmigen Säulen stammt vermutlich aus dem 17. Jahrhundert und stand wohl ursprünglich als Hochaltar im Chor.
Die Orgel von 1838 wurde nach mehreren Umbauten 1972 mit den vorhandenen Pfeifen und zwei zusätzlichen Registern in den ursprünglichen Zustand rekonstruiert.



Beeindruckend sind auch die 1972 freigelegten Fresken. Das Jüngste Gericht ist mit drastischen Bildern zur genauen Betrachtung und auch wenig gebildeten Menschen zur Mahnung dargestellt. In der Mitte erschallen zwei Posaunen, die Toten steigen ganz unversehrt und nackt aus den Gräbern. Vom Kreuz erlöst ziehen über grünem Rasen die gerechten Seelen ins Paradies.



Gegenüber werden die Verdammten bereits auf dem Weg ins ewige Feuer gepeinigt. Während den Seligen vom Maler diskret durch die Körperdarstellung jede peinliche Scham erspart bleibt, werden die armen Sünder von Dämonen getrieben und den vordersten mit brennender Fackel ihre sündige Fleischeslust vergolten. Über dem grässlichen Treiben zieht ein Dämon einen zweirädrigen Karren, beladen mit mehreren Personen. Anscheinend werden da hohe Persönlichkeiten kutschiert. An ihren Attributen erkennt man einen Abt, einen Bischof und auch einen Ratsherrn. Sie beliebten schon zu Lebzeiten eine bequemere Fortbewegungsart zu benutzen, und sollte unterwegs einer abspringen, so wäre er "em Tüüfel ab em Charre gheit".

Bei diesem Wandbild fällt auf, dass in der oberen Hälfte das Weltgericht mit Gottvater fehlt, beziehungsweise vom Deckengewölbe überbaut ist. Das wird so erklärt: Der 1512 vom Bischof beauftragte Prismeller Baumeister Ulrich Ruffiner hatte zunächst ein Tonnengewölbe über das breite Kirchenschiff eingezogen. Das Wandgemälde muss unmittelbar darauf entstanden sein. Weil aber die Spannweite der Kirchendecke zu gross war, stürzte sie nach kurzer Zeit ein.



Die Auflast des heute noch erhaltene Netz-Kreuzrippengewölbes wurde auf zwei Stützen in der Raummitte und auf Konsolen an den Wänden verteilt. Der Baumeister hatte dazu gelernt! Leider wurden dabei die Fresken teilweise überdeckt. Der nachträgliche Umbau erklärt auch die asymmetrische Anordnung des Chorbogens und der Fenster.





Die Zeit drängte, wir mussten den Rückweg antreten, aber wenn wir schon da waren, schauten wir auch noch schnell am Grabmal des Dichters Rainer Maria Rilke vorbei.



Die Umfassungsmauern und der alte Wohnturm sind noch aus der Zeit vor dem Kirchenbau. Ursprünglich war im 14. Jahrhundert auf dem Hügel ja die Burg des Landesherren Witschard von Raron, der 1415 vor den Aufständischen der "Sieben Zehnten" zum Bischof, auf die Burg Seta bei Sitten flüchten musste. Die Burg wurde dem Verfall überlassen. Soweit die verbrieften Tatsachen.

Im Wallis werden viele unerklärliche Dinge mit Sagen und Schauergeschichten erklärt, so auch hier:

Wie ein Schatz verloren ging
Als die Bürger der Sieben Zehnten vor der Burg standen um den Witschard von Raron zu vertreiben, wollte er noch schnell seine Wertsachen in Sicherheit bringen. Deshalb beauftragte er den Burgvogt möglichst viel der beweglichen Güter in den unterirdischen Gängen der Burg zu verstecken. Er wollte die Sachen später, wenn wieder Ruhe eingekehrt wäre zurück holen. Doch es kam anders – Die Burg wurde erstürmt und verbrannt, dem Witschard wurde die Rückkehr verweigert und der Schatz geriet in Vergessenheit.
Es muss um 1850 gewesen sein, als zwei Knaben beim Herumklettern am Burgfelsen den verborgenen Eingang zu einem Geheimgang entdeckten. Aber nach wenigen Schritten getrauten sie sich in dem dunklen Gang nicht mehr weiter. Ihre Eltern glaubten ihnen die Sache nicht, denn schon damals konnten Buben ihre Fantasie nicht zügeln. Die Zwei erinnerten sich als erwachsene Männer an die versteckte Höhle, aber sie hatten kein Glück, den Eingang zum geheimen Stollen fanden sie nicht mehr. Der Burgfelsen behielt sein Geheimnis und so harrt der Schatz des Witschard von Raron bis heute seiner Entdeckung.



Geri340 [CC BY-SA 4.0 ( creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 )]

Der Bietschbach brachte dem Dorf immer wieder Murgänge und Überschwemmungen. Deutlich sichtbar ist das hier am 1548 erbauten "Maxenhaus". Die untere Galerie ist bis zu den Kapitellen zugeschüttet.



Der steile, im Winter oft vereiste Weg hoch zur Burgkirche wurde den Rarnern zu beschwerlich, deshalb beschloss man eine neu Kirche im Dorf zu bauen. Doch man fand kein geeigneten Bauplatz und so sagte der Pfarrer: "Wenn sich kein Platz finden lässt, bauen wir die Kirche in den Burgfelsen hinein".





Mit einheimischen Baumeistern, die mit Tunnelbauten bestens vertraut waren, konnte der Architekt Donat Ruff aus Visp nach dreijähriger Bauzeit das Bauwerk fertigstellen. 6'000 m3 Felsgestein wurde herausgesprengt, 140 Felsanker gesetzt und mit 2'000 m2 armiertem Spritzbeton wurde die Felsendecke gesichert. Es entstand ein Kirchenraum 35 m Länge und 19 m Breite, der 500 Personen Platz bieten soll. Am 28. September 1974 wurde die Kirche unter dem Patronat des Erzengels Michael eingeweiht.



Das Betonglasfenster "St. Michael" über dem Tabernakel und der Taufstein sind Werke von Hans Loretan aus Brig und sind 1974 entstanden.



Felsenkirchen gibt es auch in anderen Regionen und die dürften die Vorbilder gewesen sein. Hier ist unter der alten Burgkirche eine einzigartige Andachtsstätte entstanden, welche wohl zur heutigen Zeit nicht mehr zu realisieren wäre. Doch durch die Kirche als Mittelpunkt und die lokalen Vereine, bleibt eine Dorfgemeinschaf lebendig. (Raron besitzt einen Theaterverein, der Passionsspiele und auch den"Jedermann" auf dem Rasenplatz vor der Kirche aufgeführt hat.)

«Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

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Letzte Änderung: von Erwin.

November im Wallis 10 Nov 2019 19:46 #2

Danke, Erwin, für diesen interessanten Bericht. Ich war schon öfters in dieser Gegend, aber noch nie in Raron selber. Wieder was gelernt.
Hans Jörg

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November im Wallis 11 Nov 2019 11:04 #3

Brig und Stockalperpalast
Von Raron aus sind es nur wenige Minuten Zugsfahrt bis nach Brig. Zur Mittagszeit dort angekommen, strebte die fast dreissigköpfige Gruppe zügig ins warme Walliserstübli. Draussen gab es Schneeregen und Kälte, so richtig "strubuuset" hat es. Wohlgesättigt mit den Walliser Spezialitäten Fondue und Cholera, plus einem Glas Wein, konnten alle den weiteren Tag angehen.



Man kann das imposante Bauwerk nicht übersehen, direkt am alten Simplon-Saumweg liess sich 1651 – 1671 der Grosse Stockalper seinen Firmensitz bauen. Er sei zur damaligen Zeit der "genialste" Frühkapitalist weit und breit gewesen. Wir konnten bei dem kompetent durch Frau Bösch geführten Rundgang eine Menge, fast alles, über das Bauwerk, Kaspar Jodok Stockalper, seinen Vorfahren und Nachkommen erfahren. Hier sind nur wenige Blickpunkte erwähnt.



Die Arkadenbrücke über die Schlossgasse verbindet den Palast mit der Kapelle und den Stammhaus Stockalpers.



Der Hof des Palasts ist auf Galerien mit Arkadengängen umfasst. Drei Türme dominieren mit ihren Zwiebeldächern die Anlage. Drei Türme mit den Namen Kaspar, Melchior und Balthasar und der höchste ist natürlich der Kaspar. Die Trinität war dem Stockalper wichtig, überall begegnet man dieser Symbolik.





In seinem Wappen beispielsweise hat es drei Kronen, er muss sich hochmütig als König gefühlt haben.

Seine Handelsunternehmungen brachten ihm viel Geld und Macht. Er handelte mit allem: mit Söldnern für die streitlustigen Fürsten, kaufte Weinbergschnecken von den verschuldeten Bauern und verkaufte sie den Geistlichen während den Fastenzeiten, handelte einträglich mit Salz und betrieb Erzbergwerke. Er kaufte und verkaufte, wo immer Profit zu erzielen war. Sein Palast sollte seine Macht und Grösse betonen. Bevor die hochqualifizierten Steinmetze Bodmer aus dem Prismell (Sesiatal am Südfuss des Monte Rosa) den Auftrag für das Schloss erhielten, mussten sie als Beweis für ihr Können die Sebastians-Kapelle bauen.





Der kommende Winter schickt seine Vorboten.







Beim Rundgang durch die Gebäude wurden uns mehrere Säle gezeigt. Der Gerichtssaal blieb uns verwehrt, doch im einen Saal beeindruckten die speziell für hier gedruckten Papiertapeten mit Sujets aus der Gegend und einer Ansicht des Brienzersees.
Den Bürgersaal mit den reservierten Stühlen dürfen die Bürger für ihre Sitzungen benutzen, Besitzerin ist die Stadt Brig wie auch übrigens des ganzen Palasts.



Die Drei Könige sind in mehreren Bildern vorhanden, Kaspar Stockalper fühlte sich in ihrer Beisein zu Hause.



Die Privatkapelle ist von aussen an dem Erkertürmchen erkennbar. Sie wurde wegen Bauschäden gründlich, zu gründlich, renoviert um dem Altar mit den Silberreliefs einen gebührenden Platz zu erhalten. Augsburger Silberschmiede fertigten die Bilder im Auftrag Stockalpers an. Im Erker sollte zum Gedächtnis des in Lion an Tuberkulose verstorbenen Sohnes, dem Stammhalter, eine Grabstätte sein. Wegen der Ansteckungsgefahr wurde jedoch nur sein Herz in einem Bleigefäss hierhergebracht.



Über die Arkadenbrücke gelangt man wieder ins Haupthaus und im Treppenturm hinauf zum grossen Versammlungssaal.



Hier ist mit zahlreichen Bildern eine Ahnengalerie ausgestellt. Wie die alle heissen, bezw. geheissen haben, muss unerwähnt bleiben, weil mir sowieso die Übersicht verloren ging. Ausgestorben im Mannesstamm wären sie, wenn nicht eine der letzten Nachkommen den erheirateten Familiennamen dank der Frauenrechtsangleichung nachträglich auf Stockalper hätte ändern können.



Dominierend eindrücklich blieb aber das riesige Portrait des Kaspar Jodok Stockalper, wenn auch am anderen Ende des langen Saales ein Klavierstimmer gegen die störende Besuchermeute ankämpfen musste.

Wir erreichten in letzter Minute den Zug und der wäre, wären wir nicht sofort eingestiegen, ohne uns trotz reserviertem Wagen abgefahren.
Ein trotz misslichem Wetter gelungener Ausflug. Dem Organisator Peter sei gedankt.

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Letzte Änderung: von Erwin. Begründung: Korrektur

November im Wallis 12 Nov 2019 12:03 #4

Herzlichen Dank, Erwin, für deine Berichte von diesem verregneten Ausflug ins Wallis! Weil ich schon an beiden Orten gewesen bin, habe ich diesmal verzichtet, mitzukommen. Wie wenn ich es geahnt hätte, dass das Wetter nicht so mitspielt!
Aber du bist ja prädestiniert für die Geschichte der beiden Orte, den beiden Kirche in Raron und den Stockalper in Brig.

Den Palast haben wir übrigens vor 11 Jahren, 2008, mit dem Bäre-Höck besucht. Die Reportage von damals habe ich nicht mehr gefunden im Web, aber noch ein herziges Erinnerungsbildchen aus dem Hof des Stockalperpalastes im Archiv:



Bis bald wieder bei den Öpfelchüechli!
WillY

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Letzte Änderung: von WillY.

November im Wallis 12 Nov 2019 17:01 #5

Verregnet ? Wo ?


Jean-Pierre Guenter

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Jean-Pierre Guenter

November im Wallis 15 Nov 2019 18:24 #6

Eine Woche später aber die Fotos kommen doch noch. Lange war ich nicht mehr im Wallis. Es hat mir gut gefallen trotz dem nicht gerade amächeligen Wetter. Danke Peter für die Organisation.




nein dort oben war ich nicht. Es war mir zu anstrengend. Vier Bärehöckler machten es sich in dieser Zeit im Dorf beim Käfele gemütlich.



es gab aber doch noch einige Sehenswürdigkeiten in Raron









auf der gegenüber liegenden Seite von Raron






wir warten auf den Zug nach Brig.

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in die Menschen hineinhuschen kann.

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November im Wallis 15 Nov 2019 21:19 #7

so der Zug hatte jetzt doch etwas länger nach Brig. (Mit einem Umweg über die "Landfrauenchüche" am TV :-) )



in der Walliser Stuba



Fondue bis Gnue









Cholera die Walliser Spezialität



Spaghetti für mich



der arbeitet gratis meinte Peter












Unterwegs zum Stockalperpalast


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Letzte Änderung: von kornblume.

November im Wallis 15 Nov 2019 21:26 #8


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November im Wallis 15 Nov 2019 21:32 #9

jetzt sind wir im Stockalperpalast mit einer sehr guten Führung nicht etwa in Walliser Dytsch, chasch dänke, Züridialäkt :cheer:



























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Letzte Änderung: von kornblume.

November im Wallis 15 Nov 2019 21:44 #10



solide Handarbeit































der Garten von 2000 - 2002 neu gestaltet






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