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06.02.2016 -- Bernhard Schindler / wv

Bierglaslyrik – Bieridee verwirklicht

Lesung von fünf Kurzgeschichten zum Thema „Fundgrube“ im Bücherbergwerk in Bern


Es gibt in Bern eine Online-Zeitschrift „Bierglaslyrik“, die unter www.bierglaslyrik.ch gratis abgerufen werden kann. (Die neueste Ausgabe zum Thema „Fundgrube“ dürfte in den nächsten Tagen aufgeschaltet werden). Natürlich gibt es auch eine gedruckte Form, die abonniert werden kann, die in verschiedenen Berner Beizen, aber auch in Zürich, Biel, Nettetal, Wien, Auw, Straubing, Krefeld, Luxemburg und Steiermark aufliegt.

Geschaffen wurde diese einzigartige Zeitschrift von drei Studenten, die dabei sind, sich beruflich im Literaturbetrieb im weitesten Sinn zu etablieren. (Zwei arbeiten bereits als Journalisten). Sie heissen Michael Bucher, Oliver Käsermann und Reto Boschung. Sie hatten eine Bieridee und diese unterdessen verwirklicht: Gerade ist Nr. 33 (Sonderausgabe zum Thema Fundgrube) anfang Februar erschienen und erfreut sich bereits an vielen Orten wachsender Beliebtheit.

 

Bierglaslyrik erinnert an Ringelnatz...

...und an ausländische Satiremagazine, auch wenn bekanntlich in der Schweiz alles etwas weniger schnoddrig, einfühlsamer und auch ein bisschen schweizerisch-perfekter daher kommt als in Berlin oder Paris oder Dänemark.

Bierglaslyrik gibt Jungautoren, Studenten, Kurzgeschichtenschreibern (und warum nicht?) Grossmüttern mit Schreibdrang die Möglichkeit, eigene Werke zu veröffentlichen. In der Regel gibt die Redaktion von Bierglaslyrik das Thema vor, zu dem Beiträge beigesteuert werden können. Das neue Thema heisst „Ratgeber“, und darüber soll der Text bis zum 22. April 2016 an redaktion@bierglaslyrik.ch eingeschickt werden (bitte, Bedingungen von Bierglaslyrik beachten!).

 

Lesung im Bücherbergwerk an der Monbijoustrasse 16

Das Bücherbergwerk mit seinen drei Stollen voller köstlicher Literatur, wahren Bergkristallen deutscher Sprache, wird vom Schweizer Arbeiter-Hilfswerk (SAH), Sektion Bern, betrieben. Nun hat die Bücher-Fundgrube mitten in Bern die Bierglaslyriker eingeladen, fünf Kurzgeschichten in der heiligen Halle der Antiquitätenbibliothek vorzulesen. Es kamen vier Autoren und eine Literatin, dann ein halbes Dutzend Bierglaslyrik-Redaktoren und Bücherbergwerks-Kumpel und – grosses Erstaunen: rund 20 InteressentInnen, die den Autoren warmen Beifall spendeten.

 

SAM 2099 Schindler-liest

Bernhard Schindler liest aus "Der abhanden gekommene Kabinenkoffer"

 

Kabinenkoffer“ und literarischer Ruhm

Es las zuerst der achtzigjährige „Jungautor“ Bernhard Schindler seine shortstory „Der abhanden gekommene Kabinenkoffer“. Darin geht es um die Manuskripte eines 24 jährigen angehenden Schriftstellers und -setzers, der nach Oslo auswandert und seine „gesammelten Werke“ im Kabinenkoffer mitführt – einem Gepäckstück, das leider auf der Reise zwischen Basel-Hamburg-Kiel und Oslo verschwindet. Mit dem Koffer verschwindet auch die Karriere des vielleicht grossartigen Dichters, der sich fortan um Frau, Kinder und seine Arbeit kümmern muss.

 

Eismaal isch immer.“..

...war wohl die gelungenste Kurzgeschichte des Abends, die mit der Sprache spielte, mit Dialekt und „Hauchdeutsch“, mit norddeutscher Färbung und badischem Dialekt. Schade nur, dass der Autor Bent Dick, der sie vorlas, im Dialekt nicht ebenso sicher ist wie in seinen tollen Ideen, denn ganz offensichtlich stammt er aus dem Grossen Kanton. Er schildert einen Besuch im Aldi, ärgert sich über das Gebaren von Ausländern, die sich nicht an die Gepflogenheiten in einem Supermarkt halten – bis er dann selber von einem Schweizer in bestem Schriftdeutsch „gesenkelt wird."

 

SAM 2108-Buecherbergwerk Grosser Andrang zur Bierglaslyrik-Lesung im Bücherbergwerk.

 

Der Aufbewahrer“...

... von Domenico Vincenzo Gottardi ist die traurige Geschichte eines in die Schweiz verschlagenen Römers, des Vaters von Domenico, der im Lauf eines langen Lebens in der gleichen Wohnung Sammlungen an Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Möbeln und allerhand Krimskrams angehäuft hat, die, als der Vater schliesslich pflegehalber ins Heim muss, aufgelöst und verschrottet werden müssen. Dabei stellt sich heraus, dass auch Domenico anfängt seinem Vater zu gleichen und merken muss, dass er zwar das Schönste aus Vaters Messie-Sammlungen mitnehmen möchte, dass aber seine eigenen angehäuften Reichtümer nicht auch noch dafür Platz lassen.

 

Wenn ein „richtiger Mann seinen Weg findet“...

...wie Bernd Daschek in seiner Kurzgeschichte, dann kugelt sich das Publikum vor Lachen, denn der gerade mit einem flüchtigen Kuss verliebt gemachte Schüler will seiner Angebeteten ein besonders Lied schenken, das ihm die richtige Stimmung für seine und ihrer Gefühle zu sein scheint. Dabei hat er allerdings mit Schwierigkeiten zu kämpfen und richtet in der elterlichen Wohnung ein Chaos an. Und dann versteht die liebe Freundin leider mal nicht englisch. Schulenglisch ja, aber nicht die „Sprache aus dem richtigen Leben“.

 

In der „Männerabrechnung“...

rechnet Angela Suter auf liebenswürdige Weise und dennoch mit tödlichen Stichen mit einem Teil ihrer gesammelten Liebhaber ab. Entweder wurde sie von diesen abserviert (und das manchmal vor Geburtstagen oder nach christlichen Feiertagen) oder sie hat sich ihrer Liebhaber selber entledigt. Die verschiedenen Freunde werden meisterhaft geschildert, Angela Suter kennt das Leben, kennt ihre Pappenheimer, und kennt auch sich selbst. Ihr Fazit ist versöhnlich: „...hätte ich mich nicht gegen den Rat meiner Mutter gestellt und in die Disco aufgerafft, hätte ich meinen heutigen Mann niemals kennen gelernt.“

 

SAM 2112-Lesung-Suter

Zum Schluss jeder Geschichte mussten die Bierglaslyriker ihr Lieblingsbier nennen, es waren dies in der Reihenfolge der Geschichten: Meines Sohnes Martins Seiser Bier aus Sins AG; Karlskrone; Aarebier: Singha Beer und Angela Suter hat ihre Geschichte nach dem Genuss von zwei BrandLöschern geschrieben...

 

Angela Suter hat ihre Story im Stehen eingeübt und blieb sich beim Vorlesen treu. (Fotos BS)