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03.11.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

General Mutter

Wenn die Mutter – wenn Eltern – ihre erwachsenen Kinder im Leben nicht loslassen können, führt das zu bizarren Situationen, wie das Berner Theater Matte zeigt.


 

Als hätten es die erwachsenen Kinder nicht ohnehin schon schwer genug! Die Freundin oder Ehefrau hat genug; es stimmt mit der Berufslaufbahn aufs Mal nicht mehr so recht, und der Ausweg, im fernen Brasilien der stellenmässigen Zurückstufung entgehen zu dürfen, wird ausgerechnet von der Mutter verwehrt… Und vieles hat sich ja schon seit Jahren nicht eigentlich richtig angefühlt.

Klar, die Mutter ist einsam. Wie viel von ihrer Einsamkeit hat sie sich selber zuzuschreiben? So manches ist erstarrt, hat sich zur Gewohnheit verhärtet, die dem Sohn bei aller Liebe und Rücksichtnahme verständlicherweise recht den Verleider anhängt. Die ikonenhaft verherrlichte Schwester ist da nur ein Teil der Demütigung. Dass die Mutter aber sogar so unbeholfen wird, dass sie fortan im Rollstuhl sitzt, beendet den Brasilientraum des unter der Generalsfuchtel stehenden Sohnes vollends. Denn seine Mutter ist ja eigentlich so lieb. Ihre Unterdrückung besteht ausschliesslich in Seufzern und Versicherungen, sie werde schon zurechtkommen oder dann halt eben sterben.

Der heute 74-jährige Autor Bernd Schroeder hat in seinem literarischen Prosaschaffen immer wieder zusammen mit Kabarettisten und Satirikern wie Dieter Hildebrandt, Hans Dieter Hüsch, aber auch mit Reinhard Mey, Elke Heidenreich, Konstantin Wecker zusammengearbeitet. Sein Hauptwerk besteht jedoch in einer beachtlichen Reihe von Fernseh- und Hörspielen; seine drei dokumentierten Bühnenstücke – Sennentuntschi (1973 für die Kammerspiele München bearbeitet), Kater Lampe (1979 für die Freie Volksbühne Berlin bearbeitet) und General Mutter (2013) wirken da eher zahlenmässig marginal. Doch dem zurzeit als Schweizer Erstaufführung im Theater Matte gespielten Stück um Beziehungsschwierigkeiten spürt man die Erfahrung des Autors mit Witz, Ironie und tieferer Bedeutung bestens an.

Dass dem so ist, verdankt das begeistert mitgehende Publikum vorab der Mundartfassung von Marianne Tschirren, dann der ausdruckssicheren Regie von Renate Adam, und vor allem dem lebendigen, nuancenreichen und effektvollen Spiel Darstellerpaares Marianne Tschirren und Adamo Guerriero.

Man möchte verzweifeln ob der penetranten und stereotypen Jämmerlichkeit, mit welcher die listenreiche Mutter von Marianne Tschirren ihrem Sohn immer stärkere Liebesbeweise abnötigt und ihn mit Finten und Listen dazu bringt, ihren Zielen und ihrem Willen gefügig zu sein. Man verzweifelt nicht; vielmehr fühlt man sich aufs beste mit satirischen Effekten verwöhnt und zum Schmunzeln bis Lachen gebracht. Dass Kostüm und Maske (Katrin Schilt) dabei vorab der mächtigen Perücke wegen aus der dem Matte-Publikum wohlbekannten Marianne Tschirren eine ganz neue Person zu machen scheinen, ist nur ein äusserlicher Aspekt dieser immer wieder hinreissenden parodistischen Mutter-Sohn-Geschichte. Dass der Sohn seinerseits immer wieder und immer neu auf die Strategeme der Mutter hereinfällt, bringt Adamo Guerriero mit allen darstellerischen, mimischen und sprachlichen Mitteln ebenso überzeugend zum Ausdruck. Das biedere, eher ärmlich bürgerliche Interieur von Fredy Stettler mit dem überprominenten Hausaltar in Form von Bildern der abwesenden Tochter und Schwester wirkt anfangs eher unauffällig, verdeutlicht aber mit zunehmendem Ablauf der Handlung die Parodie, den Witz und die Persiflage eines Zustands, der an sich schwerwiegende psychologische Probleme schaffen würde.

Dass so etwas hier nicht als Lehrstück, sondern als Komödie im echten Sinne abgehandelt wird, wirkt nicht nur als köstlich spielerisches Theatervergnügen, sondern auch als lächelnder verständnisvoller Spiegel einer der unzähligen spannenden Seiten des Lebens und Zusammenlebens.

General Mutter TheaterMatte2

Marianne Tschirren, Adamo Guerriero

Bild: © Lea Moser

Aufführungen bis 25. November 2018

THEATER MATTE

"General Mutter" von Bernd Schroeder