ICON-Link

07.10.2018 -- Erwin Weigand / wv

Die Berner haben auch nicht das Pulver erfunden...

Zum 200jährigen Jubiläum der Berner Stadtschützen eine neue Bärner Gschichte


Mit ganzseitigen Zeitungsinseraten feiern sich die Berner Stadtschützen und ihr zweihundertjähriges Bestehen mit viel Nostalgie und historisch einseitigen Aussagen. Man träumt von den Zeiten des Ancien Regiemes und beruft sich auf ein Aufbegehren gegen obrigkeitliche Zensur zu Gesängen und Ansprachen am Schützenfest 1830. Das war angeblich Anlass zur Abdankung der Regierung, und wird als Beweis für das Einstehen zur Demokratie angeführt. Die Freude am Verkleiden mit altertümlichen Kostümen sei ihnen belassen und auch der Umzug durch die Stadt. Die Böllerschüsse dazu braucht es eigentlich nicht, denn das einst begehrte "Bernerpulver" ist sowieso verschossen.

Berner Pulver war ein sehr begehrtes Produkt in den früheren Jahrhunderten. In den Zeiten von ständigen Kriegshändeln musste laufend Schiesspulver nachproduziert werden, die Freud am Chlepfe ist schon alt. Seine Herstellung verlangte Fachwissen und aufwändige Arbeitsprozesse. Aus Holzkohle, Schwefel und Salpeter entstand durch Stampfen und Mahlen das explosive Schwarzpulver. Im Kantonsgebiet zählte man um 1619 fünfzehn Pulvermacher, darunter auch einen am Sulgenbach in Bern. Damals wurde auch zur Äufnung eines eigenen Vorrats der Export in die vom Dreissigjährigen Krieg betroffenen Länder eingeschränkt.

Das stetig fliessende Wasser der Worble diente seit alters her zum Betrieb von Mühlen und Stampfen. Besonders gehäuft existierten die frühen Gewerbebetriebe im Gemeindegebiet von Ittigen. Dort an der Worble liefen einige Wasserräder und trieben Mahlwerke für Getreidemühlen, Knochenstampfen, Hammerschmieden und vor allem Papiermühlen an und daneben eben auch zwei Pulvermühlen. Eine am Schermen wo vor einigen Jahren noch die Leimfabrik Adhesa war und eine dort wo jetzt die Station Papiermühle der RBS ist. Dort gab es mehrere Gebäude für die Verarbeitung der Grundmaterialien zum fertigen Pulver.

Pulver 1Umzug in Aarau

So sonntäglich gekleidet wie hier am eidg. Schützenfest 1924 in Aarau waren die Haselrutenlieferanten und Salpetergräber kaum, wenn sie nach Ittigen lieferten.
Farblithographie von Rudolf Münger

Pulver 2Salpetergraeber im kuhstall

Die unter den Holzladenbretter versickerte Jauche entwickelte im Humus durch biologische Prozesse den begehrten Salpeter. Die weissliche Schicht wurde heraus geschaufelt und zur Weiterverarbeitung abtransportiert.

 

Die Pulverer verkohlten die Haselruten und verkochten die salpeterhaltige Erde, die mühsam aus den Böden unter den Kuhställen gegraben war. Schwefel wurde aus Italien importiert, weil einheimisches, beispielsweise aus Kandersteg, nicht genügend vorhanden war. Fein zermahlen durch Mahl- und Stampfwerke und in der richtigen Menge gemischt, war es zu einem brisantes Material geworden und mehr als einmal flog die Sache in die Luft. Immer wieder und häufig wiederkehrend wird von Explosionen berichtet. Trotz aller Neuerungen für mehr Sicherheit gab es bis Ende 19. Jhdt. immer noch Unglücke. Mit der Gründung der Eidgenossenschaft 1848 wurde auch die Pulverfabrikation Sache des Bundes und es wurden grössere Fabrikgebäude erstellt. Bis 1919 blieb die 1891 gebaute Kriegspulverfabrik linksseitig der Worble zwischen Papiermühle und Worblaufen bestehen, dann verlegte man sie nach Wimmis. Die Anlagen übernahm die WORBLA AG und produzierte das aus der analogen Fotografie bekannte Zelluloid. Der unter Denkmalschutz stehende Stufenbau der ehemaligen Worbla liegt an der Pulverstrasse. Die nur noch Einheimischen bekannte Strassenbezeichnung Pulverstutz für den Abschnitt der Strasse von der Station Papiermühle hinauf ins Eyfeld heisst heute Papiermühlestrasse.

Pulver 3Kreisel

Die Strassenkreuzung Worblentalstrasse mit der Papiermühlestrasse und der Grauholzstrasse hat jetzt einen Kreisel. Ein Mahlstein der Papiermühle erinnert an die ehemalige Papierfabrik und die Eisenblechstapel sollen das kostbare Papier symbolisieren.

Das fertige Pulver konnte in Holzfässern gut transportiert und aufbewahrt werden. Den Vorrat für das Berner Regiment lagerte man in den Pulvertürmen weit ab von bewohnten Gebieten, von denen heute nur noch der Strättligturm am Thunersee ein Beispiel ist.

Pulver 4Straettligturm

Strättligturm

Einer stand bis ins zwanzigste Jahrhundert beim Engemeistergut im Rossfeld wo jetzt das ausgegrabene römische Amphitheater zu sehen ist, ein anderer war das Pulverhüsli am Zentweg gegen Ostermundigen zu. Pulverweg heisst das naheliegende Strassenstück vom Guisanplatz zur Ostermundigenstrasse.

Pulver 5Karte 1890

Auf der Landeskarte von 1890 sind die beiden Türme namentlich eingezeichnet. Die Bahnlinie führt noch direkt über die Allmend, die Zent-Giesserei gibt es noch nicht.

Pulver 6Karte 1920

1920 macht die Bahn bereits den noch heute aktuellen Bogen, die Pulvertürme gibt es noch.

Wie wirkungsvoll das Berner Pulver war darüber erzählt eine Anekdote aus der französischen Revolution die aber sicher frei erfunden ist: Als die Truppen der Jakobiner erfolglos die von den Royalisten gehaltene Stadt Toulon belagerten, wurde der junge Napoleon Bonaparte zum Kommandanten der Artillerie ernannt. Auch seine Angriffe zeigten zunächst keinen Erfolg. Da meldete sich einer der Schweizer Söldner, der Kanonier Christen Krähenbühl aus Eggiwil und empfahl das gute Berner Pulver. Aber lest selbst:

Pulver 7Textzitat

So ganz falsch kann es nicht sein was da geschrieben wurde denn Wikipedia berichtet:

Am 25. November 1793 trug Napoleon dem Befehlshaber General Dugommier seinen Plan für den Sturm auf die Stadt vor. Dieser führte am 19. Dezember zur Eroberung von Toulon. Der Erfolg war der eigentliche Beginn des Aufstiegs Napoleons. Am 22. Dezember wurde er zum Dank mit nur 24 Jahren zum Général de brigade befördert.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Toulon_(1793)#Belagerung

So könnte das Berner Pulver zur Weltgeschichte beigetragen haben, wenn es wahr wäre, aber Munitionslieferungen an kriegführende Länder waren und sind noch immer ein brisantes Thema.

Pulver 8Wohnhaeuser

Die Gebäude der Pulvermühlen sind verschwunden, einzig das Wohnhaus des ehemaligen Pulvermeisters am ehemaligen Pulverstutz und dahinter die Verwaltungsgebäude der Kriegspulverfabrik gibt es noch. An die explosive Geschichte der der Gemeinde Ittigen erinnert die detonierende Artilleriegranate im Ortswappen und das Mühlenrad gegenüber an die ebenfalls verschwundenen Papiermühlen.

Die Einzelheiten dieses Berichts sind hauptsächlich aus der Ittiger Ortsgeschichte von Hans Gugger entnommen. Ebenso einige Bilder.

Die anderen Fotos und bearbeitete Kartenausschnitte sind vom Autor Erwin Weigand.