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01.11.2016 -- Fritz Vollenweider / wv

„Zur Schönen Aussicht“

DAS THATER an der Effingerstrasse zeigt zum ersten Mal ein Stück von Ödön von Horváth, „Zur schönen Aussicht“


Ödön von Horváth gehört zum Kreis avantgardistischer Künstler und Autoren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg – oder vielleicht besser, der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Der in Fiume (im damaligen Königreich Kroatien) gebürtige Sohn eines Diplomaten lebte in verschiedenen Städten des Alten Europa. 1901 geboren, war er beim Ausbruch des Krieges 13 Jahre alt. Sein intellektuelles und gesellschaftliches Umfeld war Deutschland, wo er studierte und 1926 sein drittes Stück, „Zur schönen Aussicht“ schrieb. Als Bühnenautor anerkannt und mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, weckte er die Aufmerksamkeit der Nationalsozialisten, die künftig Aufführungen seiner Stücke verhinderten; der junge Autor sah sich bedroht und bereitete seine Emigration vor. Das blinde Schicksal ereilte ihn in Paris, wo während eines Gewitters ein herabfallender Ast ihn am 1. Juni 1938 erschlug. Seine Komödie „Zur schönen Aussicht“ wurde erst 1969 uraufgeführt, als in den späten Sechzigerjahren sein Werk wiederentdeckt, erfolgreich aufgeführt und neu gewürdigt wurde.

„Zur schönen Aussicht“ heisst das heruntergewirtschaftete Hotel. Peter Aeschbacher (Assistenz: Verena Dietze, Bau: Röné Hoffmann) gelingt es, im Effingertheater einen materiellen und implizit auch moralischen Zerfall mit augenzwinkernder Ironie sichtbar zu machen; durch Versatz- und Teilstücke ist der Spielraum gegliedert. Wie Bäume eines Waldes bieten Tür- und Wandteile sich als Verstecke an. So wirken sie im Spiel der Intrigen und im Überspielen von pekuniären und menschlichen Nöten als visualisierende Elemente augenfällig mit.

Die Tage des von zweifelhaftem Personal notdürftig in Betrieb gehaltenen Hotels sind gezählt. Hoteldirektor Strasser (Volker Wahl), Kellner Max (Aaron Frederik Defant) und der Chauffeur des Gastes (Helge Herwerth) ändern daran so wenig wie Emanuel (Christoph Künzler), der Bruder dieses Gastes. Und Müller (Peter Bamler) wird wohl bis zum jüngsten Tag auf die Bezahlung seiner Lieferung von seichtem Champagner warten müssen. Ein Herrenquintett von erprobten, ihre darstellerischen Mittel souverän einsetzenden Schauspielern!

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Volker Wahl, Helge Herwerth, Aaron Frederik Defant, Christoph Künzler, Peter Bamler, Elke Hartmann

 

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Die operettenhaft überdrehte Freifrau Ada von Stetten ist der einzige zahlende Gast. Und weil sie das weiss und ihre Bedeutung für das Bestehen des Hauses kennt, lebt sie ungehemmt alles aus, worüber sie als femme fatale verfügt. Elke Hartmann stellt virtuos und in immer neu verblüffenden mimischen Varianten auch diesen Aspekt des Zerfalls zur Schau. Wesentlichen Anteil haben die Kostüme von Sarah Bachmann gerade auch hier, wie überhaupt am bildhaften Teil der Botschaft dieses Stücks.

 

Vom Zerfall des Hotels ist jetzt immer geschrieben worden. Doch die Inszenierung von Stefan Meier, an Zwischentönen wie an handfesten Effekten reich, lässt ein weiteres durchschimmern, die Kritik am Zerfall der Kultur des Alten Europa, der „Welt von Gestern“, wie Stefan Zweig sie beschrieb. Jene Kultur mag heutzutage vielleicht etwas sehr idealisiert wirken; anders 1926, als Ödön von Horváth das Stück schrieb.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elke Hartmann, Helge Herwerth, Peter Bamler

 

 

Rettung scheint der „Schönen Aussicht“ ausgerechnet die junge Frau zu bringen, die eigentlich als Notleidende auftritt. Christine ist seinerzeit des Hoteldirektors Geliebte gewesen und zieht ein Kind von ihm gross. Die Handlung des Stücks dreht sich die ganze Zeit darum, wie man es einrichten könnte, dass man der jungen Mutter nicht finanziell unter die Arme greifen muss; denn Geld besitzt ja keiner. Anne Welenc mimt die junge Frau mit ärmlich anmutender, leicht resignierter Sachlichkeit, weiss damit das Gehabe der Hochstapler geschickt zu kontrastieren und mit der neuen Wendung gegen den Schluss auch zu verblüffen – vielleicht nicht nur die auf der Bühne Beteiligten.

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Helge Herwerth, Anne Welenc, Volker Wahl, Aaron Frederik Defant. Alle Fotos: © Severin Nowacki

Aufführungen bis 24. November

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