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31.10.2016 -- Bernhard Schindler / wv

«Leben nach dem Tod» – auch als Toter weiter leben?

«Ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.» (Bertolt Brecht)


Wir haben letzte Woche vom Tod einer Freundin erfahren. Ihr Hinschied hat uns schwer betroffen. Immerhin durfte sie schmerzfrei im Schlaf sterben. Für die Angehörigen, die sich Monate lang für die Kranke aufgeopfert haben, ist, wie wohl auch für sie, unsere Freundin, der Tod eine Erlösung.

Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Bei einem Todesfall fragt man sich, ob gläubig oder nicht, ob einer christlichen Konfession verbunden oder als Zweifler und Suchender: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Sind die Seelen der Toten noch um uns? Helfen sie uns als eine Art Schutzengel? Können sie sich uns in irgend einer Form mitteilen?

Der Zufall will, dass diese Woche zu diesem Thema gleich zwei Publikationen erschienen sind. Der «Beobachter» titelt: «Reden mit den Toten – viele glauben an das Phänomen». Eine Journalistin des Tagesanzeigers besucht ein männliches Medium und lässt sich durch ihn mit ihrer verstorbenen Freundin verbinden. Dabei erzählt das Medium der beinahe stumm dabei sitzenden Journalistin Details aus dem Leben der Verstorbenen, die sie ihm nicht erzählt hat. Man muss vermuten, dass das Medium fähig ist, in die Gedankenwelt der Lebenden einzudringen, um so Erinnerungen an die Tote zu wecken und wiederzugeben.

Und die «Schweiz am Sonntag» berichtet von einem Buch von Eugenia Kuyda, in  welchem die Russin mit Hilfe künstlicher Intelligenz  ihren verstorbenen Freund Roman  zurück in ihr Leben holt. Dabei bedient sie sich aller gespeicherten Daten von ihrem Freund und von ihr selbst. So ermöglicht sie ihm und ihr eine digitale Wiederbelebung des verstorbenen Roman und ihrer vermeintlich noch immer intensiv gelebten  Beziehung.

Ob das gut geht? Für die Erledigung der wichtigen Trauerarbeit mag dieses virtuelle Beisammensein hilfreich sein. Aber auf die Dauer kann diese eingebildete Kommunikation von Eugenia und Roman nicht gesund sein, weil sie den Abschluss der Trauerarbeit und die Befreiung der Lebenden von ihrem toten Freund behindert.

 

Man sagt, dass alle Sterblichen dazu bestimmt sind, los zu lassen. Lebende sind und sollen sein, Tote sind verstorben und werden mit der Zeit verblassen.

Spielt ein Leben nach dem Tod überhaupt eine Rolle?

Die hinduistische Lehre von der Wiedergeburt geht davon aus, dass die Seele eines sündigen Menschen durch die Neugeburt eine zweite Chance erhalten soll, um ein besseres Leben zu führen. Wo bleibt aber die Motivation dazu, wenn dem Neugeborenen jede Erinnerung an ein früheres Leben fehlt? Andererseits: Christliche Gerechtigkeit oder anders gesagt: das Rechtsempfinden des Individuums Mensch ist nicht statisch und auf alle Zeiten fixiert. In unserem Jahrhundert mag Sünde sein, was früher selbstverständlich erlaubt war und umgekehrt empfinden wir Heutigen die mittelalterlichen Hexenjagden als schlimme Verbrechen. Und sollten doch, gemäss den Zeitgenossen des «Hexenhammers», die Menschen vom Übel und die Seele von der Sünde bewahren.

Wozu ein Leben nach dem Tod? Als Hoffnungsschimmer für zerknirschte Gewissen, doch noch ins Paradies hüpfen zu können? Als Strafe für gehabte Freuden und Sünden?

Können wir uns denn nicht vorstellen, dass wir in den Augen Gottes nicht so wichtig sind, dass wir in steter Abfolge von Busse, neuer Sünde, Sühne und Vergebung leben sollen?

Menschen werden vergessen und sterben endgültig, wenn sich niemand mehr an sie erinnert. Wenn niemand mehr an sie denkt. Brecht hat das so formuliert, und in dieser Erkenntnis sehe ich eine jenseitige Gerechtigkeit, die weder bestraft noch belohnt. Irgendwann schreibt Gott oder ein göttliches Wesen die letzten Zeilen in unser Lebensbuch: «Gestorben im 71. oder 99.oder 101. Lebensjahr nach einer spannenden, manchmal gefährlichen, oft auch nicht ganz fehlerfreien Zeit, die er/sie brauchte, um das Wunder des Lebens auszukosten. VIP

Titelbild BS