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19.10.2016 -- Fritz Vollenweider / wv

Kreislauf der Enthüllungen

Im Theater Matte: „Villa Danserault – Eine Familiengeschichte“, die berndeutsche Schweizer Erstaufführung eines kanadischen Erfolgsstücks


Geschickt setzt der kanadische Erfolgsautor Jonathan Bernier die Eckpunkte seiner recht verwirrenden Familiengeschichte: Ein romantischer Sandstrand, vorwiegend abends (Bühne: Fredi Stettler, Lichtdesign: Markus Maria Enggist); im Hintergrund unsichtbar eine moderne aus dem Boden gestampfte Wolkenkratzer-Touristenstadt „Ocean-City“, so weltweit unpersönlich wie der phantasielose Name; als Kontrast das ursprüngliche Dorf und ein heruntergewirtschaftetes und renovationsbedürftiges Familienhotel, „Villa Danserault“, von welchem man nur spricht; genauso wie vom Übervater Danserault, der das Hotel und das am Verkommen leidende Dorf seinerzeit gegründet hat, und von der wohl nicht mehr ganz in der Gegenwart weilenden alten kranken Mutter Danserault.

Die handelnden Personen der Gegenwart gruppieren sich um Marie, die Ehefrau und Mutter des aktuellen Hotelbetreibers Thomas. Daneben sichert das Faktotum Cyril den Hotelbetrieb, mit einer Fülle von Kleinreparaturen und anderen Hausmeisterfunktionen, vermutlich ohne dafür einen gerechten Lohn zu erhalten. Geheimnisvoll ist schliesslich der verlorene Sohn Damien, der zur Firmung der Kinder von Marie und Thomas eingeladen wurde und tatsächlich nach 10 Jahren wieder auftaucht. Damit kann der Kreislauf der Enthüllungen – oder auch Verwirrungen– dieser Familiengeschichte beginnen.

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Annemarie Morgenegg, Dario De Simone, Adamo Guerriero und Roberto De Simone.  

Vorwiegend in paarweise geführten Dialogen – jeder oder jede mit oder gegen jeden oder jede – enthüllen sich nach und nach Leben und Schicksale dieser im Dorf fest verwurzelten Familie. Niemand kann behaupten, dass alles dem schönen Schein und dem grossen Ansehen entspricht, das der Übervater selig seiner Familie mit Geld und guten Worten verschafft hat. Es sind zwar nicht Leichen im Keller, die zutage gefördert werden, aber doch manch Verborgenes und Absurdes, das sich im Lauf des Lebens zweier Generationen so abspielen konnte. Und auf dieselbe Art, wie sich die Paardialoge und Aktivitäten zu zweit folgen (es sind selbstverständlich zwischendurch auch drei oder alle vier Personen auf der Bühne), dreht sich das Karussell der Enthüllungen, der Entblätterung des Familienschicksals. Am Ende ist nichts mehr so wie am Anfang. Der Verlorene Sohn wird zur alles neu mischenden Figur, und der geheimnisvolle Cyril wird in seine Rechte eingesetzt – oder noch viel mehr als das. Thomas, der Chef, der eigentlich verkaufen will, steht schliesslich mit leeren Händen da – und selbst Damien lässt ganz zuletzt durchblicken, dass er mit der Familie und deren Eigentum eigentlich nichts mehr am Hut haben will.

Ist die Alltagsmundart in allen Teilen geeignet, der Form und der Aussage des Stücks gerecht zu werden? Angesichts der formal geschickt auf moderne Theatereffekte setzenden Regie von Hans Peter Incondi stellt sich spontan diese Frage. Die Berndeutsch-Fassung von Theo Schmid lässt keine Zweifel. Der Übersetzer und Bearbeiter ist der Stimmung der handelnden Personen und der Atmosphäre des Stücks genau auf der richtigen Spur und schafft vielseitig packende und lebendige Dialoge.

Annemarie Morgenegg (Marie), Adamo Guerriero (Damien), Dario De Simone (Thomas), Roberto De Simone (Cyril) werden ihren mehr als Rollen gerecht; sie überzeugen mit einer wirkungsvollen, von Zwischentönen und Ungesagtem illustrierten Ensembleleistung. Sowohl die Paardialoge mit Marie als auch die vielen verbalen und die wenigen handfesten Kämpfe zwischen Thomas, Damien und Cyril enthalten differenzierte dramatische Kraft und bewegende Lebensnähe. Damit tragen sie die nicht alltägliche Familiengeschichte, die teils auch gesellschaftskritisch gestimmte Elemente enthält, auf begeisternde Weise ins Publikum.

 

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Von links: Adamo Guerriero, Roberto De Simone, Annemarie Morgenegg und Dario De Simone.
Alle Fotos: Hannes Zaugg-Graf, z-arts.ch

 

Aufführungen bis 13. November

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