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08.01.2018 -- Erica/etna / wv

Nonna’s Emigration vor über 100 Jahren

Aus den Erinnerungen und Geschichten von Erica/etna, SeniorBasel


Auch um das Jahr 1900 herum gab es schon Emigranten. An das denken viele heutige Menschen wahrscheinlich gar nicht mehr. Neben den vielen Schweizern, hauptsächlich auch Tessinern die nach Amerika auswanderten, wanderten auch viele Menschen in die Schweiz ein. Aber die Menschen, die in der Schweiz eine neue Zukunft suchten, kamen in jener Zeit von gar nicht so weit her, für unser heutiges Verständnis.

Sie kamen meistens aus Italien, die wenigsten aus dem Süden Italiens. Die klassischen Emigranten aus Italien waren die Menschen um Mailand und Venedig herum, also aus der Lombardei, dem Bergamaskerland und aus Venetien, ob es nun das hügelige Venetien, das bergige Venetien war oder das flache Land um die Po-Ebene herum. Einige kamen auch aus der Emilia-Romagna, vereinzelte aus Neapel; die paar Sizilianer reihte man schon fast unter die Afrikaner ein!

Meine Grossmutter väterlicherseits war auch unter den Emigranten des Jahres 1900.

Aus ihrem kleinen Dorf in der Po-Ebene floh sie regelrecht mit ihren beiden grösseren Kindern, einer Tochter und einem Sohn. Den Kleinsten, erst einjährigen Buben, musste sie bei einer Schwägerin, die in der Nähe von Mailand lebte, zurücklassen. Sie wanderte weder aus Armut, noch wegen Verfolgung aus. Sie wanderte aus, weil sie, als gut situierte Tochter des angesehenen Dorfarztes die Schmach nicht ertragen konnte, von ihrem Mann, dem Schullehrer, ständig durch Fremdgehen gedemütigt zu werden. Und weil ihr ja alle schon zum voraus von dieser Ehe abgeraten hatten und ihr nun genüsslich unter die Nase reiben konnten: “Siehst du, wir haben es ja gesagt, der hat ständig andere Frauen“!

Da eine ihrer Schwestern bereits früher mit ihrem Mann in die Schweiz gezogen war und nun ihr festes Domizil in Basel hatte, war es für meine ‚nonna’ natürlich nahe liegend, sich zuerst einmal bei ihr einzumieten. Was sie hier erwartete war allerdings ein völlig anderes Leben, als das beschützte und trotz des Verrates ihres Mannes respektierte Leben im Dorf, mit Bediensteten, welche alle schweren Arbeiten in Haus und Hof erledigten, denn zum Hause ihres Vaters gehörten auch Felder und
Äcker, eine Landwirtschaft, die durch Pächter geführt wurde.

Endstation der Flucht aus dem Dorf aus der Po-Ebene war für ‚nonna’ Basel, mit ihren damals noch florierenden Bandfabriken, die vielen Frauen und vielen Italienerinnen Verdienst für das tägliche Brot boten. Da sie mit ihrem Lehrerinnen Diplom hier nichts unternehmen konnte und auch kein Wort deutsch weder verstand noch sprach, war es für sie eine der wenigen Möglichkeiten, für sich und ihre Kinder den Lebensunterhalt verdienen zu können.

Maschinen sind sprachneutral, um diese zu bedienen brauchte man keine Worte nur flinke Hände. Was man da wissen musste, wurde einem von einer Frau, die schon längere Zeit in der Fabrik beschäftigt war, beigebracht, sowie auch die wenigen Ausdrücke, um sich mit dem „Meister“ im Maschinensaal zu verständigen. Den täglichen Schwatz absolvierte man in der kurzen Mittagspause sowieso im heimatlichen Dialekt, so ähnlich, wie das auch heute noch in der Schweiz üblich ist.

Die Zeit verging früher weniger schnell als heute, denkt man, wenn man heute zurückschaut, aber sie verging…….. und schon lebte ‚nonna’ seit über zwanzig Jahren in ihrer neuen Heimat. Die Tochter hatte jung geheiratet und war nun selber Mutter; der Sohn hatte in der Zwischenzeit als italienischer Soldat den ersten Weltkrieg mitgemacht und konnte, nach etlichem Papierkrieg, im Jahre 1920 wieder in die Schweiz zurückkehren. Den jüngsten Sohn hatte ‚nonna’ auch zu sich nach Basel geholt, als er etwas selbständiger geworden war.

Inzwischen war ich auch schon geboren, galt aber ebenfalls, wie alle andern Italienerkinder damals, als Emigrantenkind. Trotz damaliger zweiten Generation. Ich hatte die vier Primarklassen hinter mich gebracht und konnte nun die neue „Erfindung“ der Realschule besuchen.
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In jener Zeit war in Italien Benito Mussolini Chef der Regierung. Die praktische Entmachtung des Königs, denn etwas anderes war die neue Form der Diktatur nicht, erregte rund um Italien herum viel Anstoss. Die neue Regierung wurde auch im Inland heftig bekämpft und so setzte eine weitere Emigrationswelle aus Italien ein, nachdem das Land für die Auswanderungswilligen endlich die Grenzen geöffnet und jedem einen Pass ausstellte der gehen wollte, was vorher nicht der Fall war. Allerdings emigrierten nun viele Gegner des faschistischen Regimes eher nach Frankreich , Luxemburg, und Belgien, in die dortigen Kohlengruben.

In der deutschen Schweiz wurden die Italiener fast überall als „Tschinggen“ betitelt und oft auch verächtlich angesehen und behandelt, trotzdem sie als tüchtige und zuverlässige Arbeiter geschätzt wurden. Der einzelne Mensch eigentlich weniger, es war eher ein Sammelbegriff. Nachdem Mussolini in Italien das Szepter unzimperlich schwang, wurde meist noch ein „Sau“ vor die Verballhornung der Zahl „cinque“ (von dem ja dieser Übername stammt), gesetzt. Und damit konnte man auch gut dem Unmut über diese Diktatur Luft verschaffen.

Als Maurer, Plattenleger, Gipser, Fabrikarbeiter, lebten diese meine Landsleute, bis auf ihr lauteres Sprechen und das Gestikulieren mit den Händen, wie die Schweizer auch. Einige bauten sich auch selbständige Existenzen auf, als Inhaber von Comestibles-Geschäften für italienische Spezialitäten, die im Stadtbild kaum zu übersehen waren. Es gab bald einmal auch italienische Schneider, Hutmacher, Musiker. Auch als Wirte fanden einige eine gute Existenzgrundlage. Unterschiede gab es aber im Essen und in den bevorzugten Lebensmittel. Man kochte viel mehr Reis, auch Polenta, mit der ich aber nichts am Hut hatte! Und Fisch! So z.B. Stockfisch, den man auf viele verschiedene Arten zubereiten konnte. Und Geflügel!

Wenn ich heute sage, dass mich während meiner ersten Schuljahre die Mädchen meiner Klasse fast als „Exotin“ anstarrten und sich mit allen Zeichen des Abscheus von mir weg wandten, als ich ihnen auf Befragen hin erzählte, dass es bei uns als Weihnachtsessen ein „Huhn“ gegeben hatte, so ist das heute kaum zu glauben Jetzt, wo einem aus allen Supermärkten die gebratenen Poulets fast noch gratis nachgeworfen werden, sofern es sich nicht um die inzwischen „neuen Bio-Poulet“ handelt. Auch erhielt man das Mailänder Brot, das man portionenweise abbrechen konnte, fast nur in diesen italienischen Delikatessenläden. Dazu den typischen Salame und Mortadella aus Bologna und den harten Parmesankäse zu den Nudeln. Auch die eingemachten Senffrüchte, die zum Siedfleisch gehörten wie das Amen in der Kirche und die als Mostarda gehandelt werden, kannte man fast nicht. Den Thonfisch in Öl konnte man offen auch nur fast ausschliesslich dort erstehen. Die Liste wäre noch lange, wenn ich alles aufzählen wollte, was man damals noch als sehr fremdländisch anschaute. Nur Pizza war damals auch unter den Italienern aus dem Norden fast unbekannt, denn dies ist eine typische neapolitanische Schnellspeise, so wie man sie heute zubereitet. Früher war auch das anders.

All das spielte sich in den Zwanziger und Dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts ab. Wäre da nicht noch der unglückselige Krieg in Äthiopien gewesen, der durch Mussolini als Eroberungskrieg vom Zaun gebrochen wurde, und im Verlaufe dessen und nach dem Sieg, Italien vom Duce in ein „Imperium“, ein Kaiserreich, umbenannt wurde und unser armer König Viktor Emanuel III zusätzlich auch noch als Kaiser herhalten musste - trotzdem er eigentlich schon lange nichts mehr zu sagen hatte - ich hätte kaum gross gemerkt, dass ich ein Emigrantenkind, ein „Tschinggeli“, wie manche mich auch fast liebevoll nannten, war.

Aber durch diesen Abessinienkrieg wurde mein letztes obligatorisches Schuljahr arg geschüttelt. Logisch, dass in diesem Sommer 1935 fast in allen Schulklassen, deren Pensum es gestattete, Abessinien im Geographie-Unterricht aufs Tapet kam.

Es war kurz vor dem Zeitpunkt, an welchem jede Abschlussklasse, als Krönung der obligatorischen acht Schuljahre, einen zweitägigen Ausflug, mit Übernachtung, zusammen mit dem Lehrer machen durfte. Die grosse Zehnuhrpause war vorüber, wir waren wieder im Klassenzimmer mit dem aufgeschlagenen Atlas vor uns. Afrika, mit Abessinien war auch bei uns an der Reihe. Kurz nachdem die Stunde angefangen hatte klopfte es und, nachdem eine Schülerin die Türe öffnete, kam ein Herr zum Lehrer an das Lehrerpult und stellte sich ihm als amtlicher Schulbesucher vor. Das passierte immer wieder einmal, denn diese Herren oder Damen kamen unangemeldet und wohnten einfach einer Schulstunde bei – so wurde es uns jedenfalls damals erklärt. Aus der Sicht einer heutigen Schulklasse kann man sich diese damaligen, in Dreier-Reihen ausgerichteten Schulbänke, aufgestellt wie eine kleine Kompanie Soldaten, kaum mehr richtig vorstellen. Und davor, Front zu den Bänken bildend, das Lehrerpult, ein Gebilde aus Holz, zu dem mindestens zwei Stufen hinaufführten. Die Lehrperson thronte also regelrecht vor der Klasse. Der Besucher nahm sich den Besucherstuhl, trug ihn ans Fenster und setzte sich, just neben eine Bankreihe vor mir. Als er sah, was da als Unterrichtsstoff durchgenommen wurde, bemerkte er zu der vor mir sitzenden Schülerin: „Ja, das ist Abessinien, dort bekommen jetzt die Tschinggen aufs Dach“. Ich hatte das gehört und alle andern natürlich auch, aber niemand sagte ein Wort. Dann war die Stunde um und ich verdrückte mich auf die Toilette, um meinen Frust wegen der Tschinggen zu verdauen.

Pausen dauern aber nicht ewig. Es läutete und ich musste zurück ins Schulzimmer. Dort empfing mich sogleich Gelächter und beleidigende Worte für mein Land, klar doch, wenn sich der amtliche Schulbesucher schon so ausdrückte! Ich verhielt mich still, was sollte ich schon gross sagen; ich war ja eines gegen den Rest der Klasse. Ich hoffte, dass das bald vorbei sein würde, wenn erst der Lehrer wieder da war. Der kam auch, erklomm seinen Hochsitz und… ich erwartete eine Zurechtweisung der Klasse… aber nichts geschah. Seelenruhig las unser Lehrer in einem aufgeschlagenen Buch. Da bat ich selber die heftigsten Mädchen, doch aufzuhören, ich hätte ja diesen Krieg nicht angefangen, aber ohne Erfolg. Und der Lehrer schien immer noch nichts zu sehen und zu hören. Also nahm ich das schwere, dicke Deutschbuch, das sicher ein Kilo wog oder noch mehr, und schmiss es mit aller Kraft nach vorne, in Richtung der lautesten Schreierin, wo es dann polternd im Gang zwischen den Bänken zu Boden plumpste. “Jetzt aber….“ dachte ich, “jetzt muss der Lehrer reagieren….“ Es geschah immer noch nichts. Da packte mich eine unbändige Wut gegen den Lehrer, der alles einfach so laufen liess als ginge es ihn nichts an. Ich schritt nach vorne, ohne meine Mappe mitzunehmen, baute mich vor des Lehrers Thron auf und sagte laut und deutlich, wobei ich zwar innerlich zitterte, weil ich schon an das dachte, was mich zu Hause erwarten würde: „Herr X“ sagte ich „das ist keine Klasse, da bleibe ich nicht, das ist ein Saustall“, ging und schlug schmetternd die Türe hinter mir zu. Weinend kam ich zu Hause an zu dieser ungewohnten Zeit. Meine Mutter – zwar keine gebürtige Italienerin – aber sich aus Liebe sehr zugehörig fühlend, versuchte mich zu trösten. Ich aber hatte Angst vor dem, was mein Vater dazu sagen würde, da er, gleich um was es sich handelte, stets auf der Seite der Lehrer stand. Doch diesmal hatte ich Glück. Bei ihm!

Ich will die näheren Umstände nicht ausbreiten, weshalb, aber mein Vater behielt mich diesmal zwei Tage lang zu Hause. Erst am dritten Tage durfte ich wieder zur Schule gehen, nachdem der Lehrer sich beim italienischen Konsul, bei meinem Vater und bei meiner Mutter für sein Nichteingreifen entschuldigte. Ich hatte schreckliche Hemmungen, die Klasse wieder zu betreten, denn ich dachte, sicher werden mir dann ein paar der stärksten Mädchen abpassen und mich verhauen, sobald die Pausenglocke läutet. Aber nichts von alledem geschah, im Gegenteil. Eine Klassenkameradin bot mir ein Stück ihres Pausenbrotes an, eine andere einen halben Apfel und eine dritte gar ein Stück Schokolade.

In der nächsten Woche sollte dann der zweitägige Ausflug starten, auf die Rigi, auf den ich mich, wie alle andern, schon wochenlang gefreut hatte. Mir hatte es aber die Freude so mächtig vergällt, dass ich lieber zu Hause bleiben wollte. Dies teilte ich dem Lehrer auch mit. Kurz darauf wurde ich aber in das Rektorat bestellt. Der freundliche Rektor ermunterte mich, mitzukommen. Er selber werde unsere Schulklasse begleiten, da er den Lehrer für diesen Ausflug dispensiert habe, da der wegen eines Herzfehlers sowieso nicht über 1000 Meter hoch steigen durfte.

So machte ich diesen mir unauslöschlich eingeprägten Ausflug mit. Beim ersten Znünihalt, im Angesicht der beiden Mythen, erklärte der Rektor uns allen einiges über Heimatliebe, Vaterländer, Zugehörigkeiten, und noch vieles mehr.

Seither habe ich schon manchen Ausflug in die Innerschweiz unternommen. Am liebsten bin ich per Schiff auf den Seen unterwegs. Und jedes Mal, wenn ich diese beiden markanten, felsigen Bergtürme, die Mythen, nebeneinander stehen sehe, kommt mir ein Stück des Bergliedes von Friedrich Schiller in den Sinn, dort wo es heisst:

Zwei Zinken ragen ins Blaue der Luft,
hoch über der Menschen Geschlechter……

Schiff Mythenund das Wort Zinken verwandelt sich in „Tschinggen“, denn diese beiden Berggipfel sind seit meiner achten Klasse unweigerlich miteinander verbunden.

Erica

Titelbild Foto (aus dem Internet) vom Centralbahnhof Basel SBB aus dem Jahre 1900.
Dampfschiff "Stadt Luzern" mit Mythen, aus WillYs Fotowerkstatt