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23.07.2017 -- Erwin Weigand / wv

Wie die Herrengasse zu ihrem Namen kam

Eine der ältesten Gassen Berns und ihre Geschichte. Aus der Reihe "Bärner Gschichte" von Erwin Weigand


 

Einige Berner Gassen sind Im Laufe der Zeit mehrfach umbenannt worden, so auch die Herrengasse. In alten Schriften taucht der Name Egerdon-Gasse auf und dieser ungewöhnliche Name war Anlass für diese Geschichte.

Als Herzog Berchtold von Zähringen 1191 die Stadt Bern gründete, war er mit einer grossen Zahl von Rittern aus seiner schwäbischen Heimat unterwegs. Er stand ja mit den Burgundern im Streit und deshalb war es sinnvoll, eine Reihe von befestigten Städten und Burgen zu bauen. Freiburg im Üechtland, Murten, Thun, Burgdorf und natürlich auch Bern, als sein fester Stützpunkt, sind uns heute noch als Zähringer-Gründungen bekannt. Einige der Ritter wurden sesshaft und bauten sich Burgen und feste Häuser, so auch ein alemannischer adeliger Herr Egerdon. Auf den Gurten liess er seine Burg bauen, genauer auf den Hügel am südlichsten Punkt, beim Gurtendörfli.

Egerdon Aegerten1

Auf diesem Hügel am Ostende des Gurten stand die Burg

Dort wohnte seine Familie in einem wuchtigen, viereckigen Turm mit einem Wallgraben ringsum. Von dort hatten sie einen Überblick über das Aaretal weit umher und konnten ihre Wächteraufgabe treu befolgen.

Egerdon, Egerten, Ägerten, die Aussprache und Schreibweise änderte sich. Anfangs mochte es ihnen nicht schlecht gegangen sein, denn das Land vom ganzen Gurten war in ihrem Besitz. Ausserdem besassen sie in der Stadt ein mit Steinen gemauertes Sässhaus an der danach benannten Herren-Egerten-Gasse, der jetzigen Herrengasse. Namentlich weiss man von einem Burkard I. als Vater eines gleichnamigen Schultheiss Burkard II. Zwei weitere Nachkommen waren Ratsherren. 1312 verkauften die Brüder Peter und Werner all ihren Besitz ausserhalb der Stadt an die Deutschherren in Köniz.

Peter Egerdon wurde 1322-23 Schulheiss und blieb Ratsherr bis zu seinem Tod 1335. Mit ihm starb das Geschlecht im Mannesstamm aus.

Eine Agnes war 1345-60 Priorin im Frauenkloster Kappelen im Forst. Soviel ist von den Egerdons in Bern noch sicher bekannt.

Egerdon Egertonwappen

Peter von Ägerden, der Schultheiss und letzter des Geschlechts.
Das englische Haus Egerton

Allerdings gibt es eine englische Adelslinie Egerton, die Dukes fürs Oberhaus stellt. Einer davon, Francis Henry Egerton, trug den erblichen Titel: 8. Earl of Bridgewater. Er erbte den Titel und ein großes Vermögen im Jahr 1823. Es muss ein spezieller Typ gewesen sein, denn er pflegte Dinner-Partys für Hunde abzuhalten, wobei die Hunde nach der feinsten Tagesmode angezogen wurden, bis hin zu phantasievollen Miniatur-Schuhen. Jeden Tag trug Egerton ein Paar neue Schuhe und stellte die getragenen Schuhe in Reihen auf, so dass er daran den Verlauf der Zeit messen konnte. Er blieb zeitlebens ledig; sein Erbe an wertvollen Manuskripten erhielt das Britische Museum und mit seinem Tod erlosch der Titel. Ob die Engländer mit den Bernern vom Gurten etwas zu tun haben? Man weiss es nicht.

Die Herren vom Gurten waren Dienstleute von Welsch Neuenburg und tüchtige Rittersleute. Die Justinger Chronik berichtet: Eines Tages stand ein Bote des Königs von Böhmen vor dem Tor und wollte den Ritter aufbieten, als Hauptmann einen Kriegszug gegen den König von Frankreich zu führen. Der Bote wurde auf morndrist vertröstet, dann wolle man reiten. Der Ritter aber war mausarm, nit vast riche, und so fand ihn der Bote am Morgen auf seiner Burgmauer rittlings sitzend, wo er der Mauer heftig die Sporen gab und doch nicht fortreiten konnte. Der Bote verstand, dass der Ritter nit ze riten hat und kerte heim und brachte die sache für den küng. Zestunde sante im der küng ross und geltes genug. Also kam er zu dem küng und musste des strittes anleiter und houptman werden. Anscheinend hat er seine Sache gut gemacht, denn Justinger berichtet weiter: Aber der von egerden behub sinem herren den stritte mit manheit und wisheit.

Egerdon Ruine AegertenRuine Ägerten

Egerdon WehrgrabenWehrgraben

Die alte Burg wurde verlassen und zerfiel zu einer Ruine. Die Mauersteine wurden wahrscheinlich als Baumaterial für das Gurtendorf gebraucht.

Unten in der Stadt fand auch das Sässhaus neue Besitzer und verschwand später ganz. Niemand weiss wo es stand.

Egerdon Merian Herrengasse

Aus dem Stadtplan von Merian: Das Franziskanerkloster links, die Herrengasse und beim Münster das Deutschherrenkloster

Die Egerdongasse wurde zur Herrengasse, geistliche Herren nahmen dort Wohnsitz. Unten beim Münster stand das Kloster im Rüwental und das Deutschherrenkloster. Oben erhielten die Franziskaner einen Bauplatz und errichteten dort das Barfüsserkloster. Dazu gab es noch ein Beginenhaus der Grauen Schwestern. Der vornehme Name der Gasse bezog sich nun auf die geistlichen Herren. 1485 wurde das Haus der Ordensritter in das Chorherrenstift umgewandelt. Das jetzige prächtige Gebäude am Münsterplatz entstand 1745 - 1755 nach Plänen von Albrecht Stürler.

Um dem Münster einen würdigen Vorplatz zu schaffen liess man um das Jahr 1500 die unteren Häuser zwischen der Kirchgasse (später Kessler- nun Münstergasse) und der Herrengasse abreissen. Dafür baute 1756-I764 Abraham Ahasverus Tscharner das prächtige Eckgebäude wo notabene die wohlbekannte und unglückliche Madame de Meuron geboren wurde. Schattseitig beginnt seither die Herrengasse an der Fricktreppe mit den Münsterpfarrhäusern und endet oben mit dem Wattenwylhaus.

Egerdon Herrengasse 2 6

Die Münsterpfarrhäuser, Herrengasse 2-6

Jetzt gerät die zeitliche Abfolge durcheinander, denn vor Entstehung aller dieser neuen Bauwerke hat die Reformation auch da Einfluss. Das Franziskanerkloster am oberen Gassenabschluss wurde nach dem grossen Stadtbrand neu aufgebaut. 1528 fand in der Klosterkirche die Disputation satt, an der die Reformation auf Berner Staatsgebiet beschlossen wurde. 1535 wurde die Kirche abgebrochen, die Steine des Klosters hat man schon vorher zum Wiederaufbau der Spitalgasse gebraucht. Anstelle des Klosters baute man für die nun neu auszubildenden künftigen Pfarrherren die Lateinschule.

Egerdon Lateinschule Chuejer Lateinschule mit Chüjer

Später kam darin die Hochschulbibliothek und das erste historische Museum unter. Mit ihrem markanten Treppenturm blieb das Haus bis 1906 bestehen.

Egerdon HochschuleHochschule

Egerdon Lateinschule Abbruch Lateinschule Abbruch

Es wurde abgebrochen und dafür das Casino als Kulturhaus gebaut. Mit der jetzt wieder restaurierten Burgerbibliothek und der Universitätsbibliothek ist ein letzter Rest des einstigen Bildungszentrums erhalten geblieben. Mit ein wenig anderer Entwicklung hätte auch Bern einen Barfüsserplatz wie Basel haben können.

Egerdon Wattenwylhaus mit BrunnenWattenwylhaus mit Brunnen

An der oberen Herrengasse ist das von Wattenwylhaus, das 1762-1764 von Erasmus Ritter erbaut wurde, mit dem Brunnen davor noch ursprünglich. Auch einige Privathäuser in Riegbauweise an der Sonnseite konnten der Modernisierung widerstehen.

Egerdon Herrengasse vom CasinoHerrengasse von Casino

Und nebenbei: Beim nicht mehr existierenden Einrichtungsgeschäft Max König fand ich als junger Handwerker in Bern meine erste Arbeitsstelle.

Eine Egerdongasse sucht man heute in Bern vergebens, aber es gibt die Aegertenstrasse im Kirchenfeld.

Egerdon AegertenstrasseAegertenstrasse

Sie erhielt ihren Namen wegen ihrer Lage, in der verlängerter Sicht ist der Aegertenhügel zu sehen, auf dem die alte Burg über das Wohlergehen der Stadtbewohner wachte.

Bildquellen: Erwin Weigand