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21.08.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Stefan Zweig auf der Bühne

DAS THEATER an der Effingerstrasse in Bern zeigt die Bühnenfassung von «Ungeduld des Herzens» zur Saisoneröffnung.


1939 erschienen, gilt «Ungeduld des Herzens», der einzige Roman von Stefan Zweig (1881 bis 1942), noch heute als eines der herausragendsten Werke des Österreichers. Und gleich vorab sei anerkannt, dass die Bühnenfassung von Thomas Jonigk (geb. 1966) den Vergleich mit dem Roman nicht zu scheuen braucht, obschon ein solcher Vergleich von literarischem Original und Bühnenstück (oder Film) an sich höchst problematisch ist. Jonigks Bühnenfassung wurde unter des Bearbeiters Regie 2015 uraufgeführt.

Die Stärke des Stücks und seiner Inszenierung durch Stefan Meier liegt einerseits darin, dass im sozusagen ausgedünnten dramatischen Geschehen trotzdem die differenzierte Gefühlswelt, die nicht nur die Protagonisten zu Mitleid und Ungeduld anstiftet, packend dargestellt wird. Andererseits besticht die vom Autor gefundene und vom Regisseur umgesetzte formale Geschlossenheit und Kraft dieser Bühnenhandlung.

Es ist anspruchsvoll, eine solche vielschichtige und in vielen Einzelzügen dicht gewobene Erzählung, episch ausgebreitet und in zahlreichen Dialogen mit immer neuen Figuren in der erzählten Handlung abgewandelt, mit sechs Personen auf die Bühne zu bringen. Überzeugt hat da vor allem die Figur der Frau Engelmayer, die sozusagen als Konzentrationspunkt für alle Fäden der Handlung auftritt, die erzählenden wie die formalen. Gäbe es sie nicht, so müsste sie durch eine Unzahl von handelnden Figuren auf der Bühne ersetzt werden. Christiane Warnecke spielt in dieser Rolle ein Spiel der Ironie, der Sachlichkeit, sogar der ahnungsdüsteren Prophetie mit wirkungsvoller Präsenz, doch ohne Aufdringlichkeit. Die Spannweite ihrer Funktionen dehnt sich vom Schaffen des historisch-kulturellen Umfeldes durch exakte Schilderung von Daten und Fakten über das Wirken einer Bedienten bis zu einer Art des Vertretens von Nebenfiguren, die es auf der Bühne nicht wirklich gibt. Einmal mehr klingt von ganz fern auch die Verknüpfung mit dem Chor der antiken Tragödie an: Wie dieser spielt und kommentiert auch Frau Engelmayer eine Art Schicksal.

Ungeduld 1

Von inks Jeroen Engelsman und Anne Welenc

Kernthema des Stücks ist das Mitleid, das ohne Geduld zur Katastrophe führen kann. Edith von Kekesfalva, seit einem Unfall gehbehindert, und Leutnant Anton Hofmiller, durch Ungeschick und Zufall zum Dauerbesucher bei ihr geworden, sind die Hauptpersonen des Stücks. Bei Edith (Anne Welenc, die glaubwürdig und eindrücklich die wechselnden Gefühle und Stimmungen darstellt) ist es nicht Mitleid, sondern erwachende Hoffnung und Liebe, die zur Ungeduld und zum verständlichen tragischen Ende führt. Beim etwas gar jugendlich-unreifen Offizier, überzeugend und von hilflos bis feige pendelnd verkörpert von Jeroen Engelsman, ist es unbeholfen umgesetztes Mitleid, das die Stimmung von Ungeduld und Hoffnungslosigkeit anreichert. Doch auch Vater Kekesfalva (Peter Bamler, zwischen Gefühlen von Jovialität und Verzweiflung pendelnd) ist nicht frei von Ungeduld, hervorgegangen aus Mitleid und Hoffnung. Auch die Nichte Ilona (Sophie Arbeiter) bringt zwiespältige Unruhe ins mehrdeutig gebrochene Verhältnis. Der einzige, der fähig scheint, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, ist Doktor Condor, der behandelnde Arzt (überzeugend auch Helge Herwerth), doch auch er scheitert zuletzt an der Verzweiflung über die Hoffnungslosigkeit des fatalen Geschehens.

Für dieses Spiel von Mitleid, Hoffnung, Unruhe und Ungeduld hat Peter Aeschbacher ein Bühnenbild geschaffen, das mit seinen wenigen Requisiten und den dunkeln Farbakzenten im allgemein düsteren Spielraum gut mit den kontrastreichen Kostümen von Sarah Bachmann und auch mit der Maske vor allem der Männer teils harmoniert, teils kontrastiert.

Ungeduld 2 Kopie

Peter Bamler, Sophie Arbeiter, Christiane Warnecke, Anne Welenc, Jeroen Engelsman

Alle Bilder: © Severin Nowacki.

Aufführungen bis 15. September

DAS THEATER an der Effingerstrasse