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03.07.2017 -- Erwin Weigand / wv

Der Läuferbrunnen und die Fischerpost

Aus der Reihe "Bärner Gschichte" von Erwin Weigand


 

«Ich fürchte sehr, der Läufer säuft,
Dieweil er wie ein Säufer läuft.
Seit wann ist solches Schreiten Sitte?
Er macht nach allen Seiten Schritte.»

So schüttelreimte der 1868 geborene Gymnasiallehrer W. Sutermeister über die Brunnenfigur.

Am tiefsten Punkt der Berner Altstadt unten an der Nydegg steht der Läuferbrunnen auf dem nach ihm benannten Läuferplatz.

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Am Läuferbrunnen in Bern, 1824, Johann Adam Klein,
Quelle: Winckelmann-Museum Stendal, Copyright Notice: CC BY-NC-SA

— Stimmt nicht ganz: Der 1545 von Hans Gieng und seinen Gesellen geschaffene Läuferbrunnen stand mit einem Achteckbecken bis 1719 mitten auf der Strasse vor der Brücke am Nydeggstalden. Der Stadtwerkmeister und Erbauer der Heilig-Geistkirche, Niklaus Schiltknecht, versetzte den Brunnen mit einem Rechtecktrog an die Langmauer, wohl um die Zufahrt zur Stadt bequemer zu gestalten. 1824 wurde der alte Trog durch das heutige antikisierende Becken ersetzt und drei Jahre später fand der Brunnen den jetzigen Platz anstelle eines abgebrochenen Waschhauses neben dem Salpeterturm.

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Der Kastanienbaum wurde ebenfalls damals gepflanzt
Foto: Erwin Weigand

Allerdings wurde durch die Umplatzierung die Figur des Stadtläufers, als wichtige Amtsperson, herabgesetzt. Er sollte ja seine Stadtregierung an fremden Höfen und in anderen Ratshäusern vertreten, darum trägt er auch eine auffällig in den Berner Farben gehaltenen Amtsrock. Auf der Schulter trägt er einen geringelten Spiess, an der Seite den Schweizerdolch und auf dem Rücken die Läuferbüchse mit den Dokumenten. An seiner Brust ist das Stadtwappen angebracht und über den Knien sind die Beinkleider kreuzförmig geschlitzt, was ihn als Eidgenossen kennzeichnet. Sein ausgreifender Schritt mit halber Körperdrehung wies ursprünglich zum Untertor hinaus und das ähnlich ausgerüstete Bärlein zu seinen Füssen schreitet voran.

Botenläufer und -reiter waren Vertrauenspersonen mit der Aufgabe Nachrichten, Briefe und auch Zahlungen zu übermitteln. Der Aktionsradius der Berner Läufer erstreckte sich bis Dijon, Frankfurt, Innsbruck und Rom. Auch andere Städte wie beispielsweise Basel hatten solche Botendienste; das ermöglichte gelegentlich eine Übergabe zum Weitertransport an entferntere Orte. So kam von Norden her: nüwe mär von Ougspurg, oder durch Lausanner Boten: nüwe mer von den knächtenn in Meiland und die brieff von Jänff har gan Bern.

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Ein ahnlich ausgestatteter Basler Botenläufer bei einem Stundenstein

Den läuffer botten wurde mit Eid von ihren Auftraggebern volle Treue abverlangt:

[S]werent die löiffer der statt Bern trüw/und wahrheit zu leisten iren schaden zu/wenden und nutz zu fürdern dem/schultheissen dem rät und dem statt/schriber getrüwlichen zu warten wenig ze/swetzen, wenn man si heist louffen, es/sye tag oder nacht zu louffen [...] und ob ouch ir dahein miner herren oder anderen lüten gelt inzichen und inbringen, das si solichs minen/herren, oder denen so das zugehört antwurten, und in irn/nutz nütz verwenden [...] ze haelen waz inen gebotten wird. (aus: Boteneid 1473, Alt Policey- Eid und Spruchbuch) und niemals Geld ausserhalb der Stadt auszuleihen.

Damit wollte der Rat verhindern, dass eigene Stadtläufer in Abhängigkeit Dritter gelangten und den Inhalt ihrer Nachrichten veräusserten. Einzig das noch 1473 vermerkte totale Spielverbot scheint praktisch nicht durchsetzbar gewesen zu sein. Bereits im Eid von 1481 wurde den Läufern auf Anweisung des Schultheiss erlaubt, bei grösseren Festen auch um Geldbeträge spielen zu dürfen, allerdings nur zu kurtzwilen in bescheidenheit.

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Der Läuferbrunnen wird gelegentlich auch Lerberbrunnen genannt, angeblich soll er den Stadtläufer Urs Lerber darstellen, was allerdings unwahrscheinlich ist, denn Lerber wurde erst zwanzig Jahre nach der Brunnenerrichtung angestellt. Über den aus Solothurn stammenden Urs Lerber berichtet eine Anekdote, dass er vom Schultheiss mit einem Brief zu König Heinrich IV. nach Paris gesandt war. Der Monarch zeigte sich sehr ungehalten, weil er von Urs Lerber bei der Überreichung der Botschaft in breitestem Bärndütsch angesprochen wurde. Als man ihm diesen Vorwurf übersetzte, entgegnete er selbstbewusst: Es sei nicht erstaunlich dass ein Berner Läufer nicht Französisch spreche, wohl aber, dass ein König von Frankreich nicht Deutsch verstehe. Der von der Schlagfertigkeit beeindruckte König, habe daraufhin ein anerkennendes Empfehlungsschreiben an den Rat von Bern überreichen lassen. Urs Lerber wurde 1588 in den Grossen Rat gewählt und Landvogt von Interlaken. Unter seinen Nachkommen gibt es bis in die jetzige Zeit zahlreiche namhafte Personen.

Dieses System hielt sich in Bern bis weit ins siebzehnte Jahrhundert. Die Berner Obrigkeit beschäftigte bis zu dreizehn Botenläufer, es gab ja mit den benachbarten Städten und Ständen viel zu verhandeln. Die Boten selbst hatten allerdings kein Verhandlungsmandat, sie waren nur die Überbringer. Diese Botendienste kosteten der Stadt viel Geld, andere Städte hatten sich bereits nach Alternativen umgesehen. Man verpachtete das Recht für Botendienste als staatliches Regal und erzielte damit ein gutes Einkommen. 1597 hatte der deutsche Kaiser Rudolf II. das Postregal zum kaiserlichen Regal erklärt und dessen Verwaltung der Familie Taxis übertragen. Später wurde daraus die Reichspost Thurn und Taxis, übrigens Namenspate für die heute noch gebräuchlichen Personentaxis.

Bern, wie häufig, war noch nicht so modern.

 

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Der noble und schöne Beat Fischer, Herr von Reichenbach

Erst der junge Patrizier Beat Fischer konnte 1675 den Rat überzeugen das bernische Postwesen in private Hände zulegen. Nachrichten aus Frankreich trafen nur einmal wöchentlich ein und wurden von der bestehenden Organisation «Lyoner Ordinari » in den Händen von Zürich und St. Gallen nicht über Bern, sondern über Aarberg geführt. Bern musste dringend ins überregionale Postnetz integriert werden. Dazu kam noch die Kostenfrage, denn der überlieferte Botendienst kostete den Staat jährlich etwa 1000 Kronen und auch die privaten Nutzer hatten viel zu bezahlen. Die St. Galler Kaufleute hingegen profitierten weil sie günstiger befördern konnten.

Also beschloss auch Bern sich der neuen Zeit zu stellen und übergab den Fischers das Postregal für 25 Jahre gegen einen Pachtzins in unbekannter Höhe. Beat Fischer ging mit Elan an die Sache, er wurde unterstützt indem der Staat allen anderen den gewerbsmässigen Briefversand verbot. Dem Unternehmer wurde bei zufriedenstellender Vertragserfüllung ein Vertragsverlängerung eingeräumt. Von einem Pachtzins war keine Rede mehr, im Gegenteil: während dreier Jahre erhielt Beat Fischer aus den Kornhäusern eine beträchtliche Menge Getreide als Starthilfe für den Fuhrbetrieb. Dafür verlangte die Obrigkeit eine Verdopplung der Postdienste wie sie Fischer bereits angeboten hatte. Ausserdem wurde der Postpächter verpflichtet zweimal wöchentlich die neusten Nachrichten aus Deutschland und Frankreich zu liefern. Dafür gründete Fischer eine eigene Zeitung, die "Gazette de Berne". Als Redakteur und Drucker stellte er einen französischen Hugenotten an. Die Zeitung bestand von 1689 bis 1798.

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Die Fischersche Post hatte ihr erstes Büro an der Hormannsgasse neben der ehemaligen Antonierkapelle und von dort aus entwickelte sich das Bernische Postwesen zu einem international tätigen Grossunternehmen.

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Schloss Reichenbach (erbaut 1688) und Bühlikofen. Im angebauten Trakt mit dem Treppengiebel befand sich die Brauerei, im Zwischenbau der Gerichtsaal.
Foto Erwin Weigand

Beat Fischer wurde geadelt und die Familie trägt seither das Adelsprädikat von Fischer. Eine standesgemässe Unterkunft musste beschafft werden. Er erwarb die alte Burg Reichenbach, die vorher zur Herrschaft Bremgarten gehörte und liess das heute noch bestehende Schloss bauen. Seine bairischen Fuhrknechten litten neben Heimweh besonders an Durst; sie konnten mit dem üblichen bernischen sauren Wein als Tranksame nichts anfangen. Sie benötigten ihr heimisches Manna, dem aus Hopfen, Malz und Wasser gebrauten Bier. So entstand im Reichenbach eine der ersten Berner Brauereien, den bairischen Postillionen wurde geholfen und Beat Fischer hatte sich noch ein weiteres Standbein geschaffen.

—1773 beschäftigte das Fischersche Postunternehmen 67 Bedienstete (Kommis), 8 Briefträger,18 Boten und 19 Kuriere. Es unterhielt 47 Pferde sowie 4 Kutschen mit weiteren 22 Pferden.

1788 gab es auf dem Gebiet des Kantons Bern 214 Hauptbüros und 80 Ablageorte. Das Streckennetz der Postverbindungen betrug 1791 2O8 Bernstunden (1098 km). Auf der Hin- und Rückreise legten diese Kurse wöchentlich 6546 km zurück.—

 

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Der sogenannte Gerichtssaal im Schloss Reichenbach (erbaut 1725)
(Foto Erwin Weigand)

Die bernische Fischer-Post überstand den Franzoseneinfall von 1798 und die folgenden Regierungswechsel. Ihr Pachtzins wurde bereits mehrfach überprüft und angepasst. 1773 wurde der Zins auf 18 000 Kronen verdoppelt und die Pacht vorläufig verlängert, denn die Idee einer Verstaatlichung stand im Raum. Neue Pachtverträge wurden 1804 abgeschlossen, aber die Posthoheit über die ehemaligen Berner Hoheitsgebiete Waadt und Aargau ging verloren, ebenso in Neuenburg. Nach dem Wiener Kongress gelang es den Herren Fischer wieder neue Gebiete dazu zu gewinnen. Das Unternehmen florierte bis zum Umsturz 1831, als die aristokratische Regierung das Feld räumen musste. Die neuen Herrscher wollten mit der alten Patrizierschaft nichts mehr zu tun haben und so musste der Postpächter und letzter Berner Schultheiss Emanuel Friedrich Fischer gegen eine Entschädigung von 48 000 Kronen die über 150 Jahre bestehende Fischerpost der Regierung verkaufen.

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Erst 1849 wurde aus der als Regiebetrieb geführten Bernischen Kantonalpost die Eidgenössische Post und 1852 die bis 1998 bestehende PTT. Jetzt sind die Post und die Swisscom wieder getrennt und eigenständige Aktiengesellschaften und Briefträger wird es bald keine mehr geben.